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Manche Kinder, die durch plötzliche Stimmungsänderungen, nachlassende Schulleistungen und Konzentrationsprobleme ohne erkennbare Ursache auffallen, leiden an einer unerkannten Madenwurminfektion (Oxyuriasis). Bleibt ein Befall mit diesen Darmparasiten über mehrere Monate hinweg unbemerkt, kann sich der durch die Infektion entstehende Schlaf- und damit Erholungsmangel auf vermeintlich unerklärliche Art in der Leistungsfähigkeit und im Verhalten bemerkbar machen. Bei starkem Juckreiz wachen die Kinder bis zu 20 mal pro Nacht unbemerkt auf und können schlecht schlafen. Zusätzlich zu dieser Übermüdung macht sich u.U. das dauernde Missempfinden als Gereiztheit bemerkbar. Infolgedessen ist das Kind dauernd abgelenkt, unerholt und weniger belastbar, was sich in plötzlich nachlassenden Schulnoten und ungewohnt schlechter geistiger Leistugsfähigkeit sowie Weinerlichkeit und gereizten Reaktionen äußern kann. Da ich in jüngerer Zeit einige entsprechende Fälle in meiner Praxis beobachten konnte, sammle ich hier die wichtigsten Informationen. Eine Madenwurminfektion ist zwar sicher nicht die häufigste, aber eine reale Ursache von Konzentrationsproblemen und Reizbarkeit und sollte um bei entsprechenden, plötzlich auftretenden Lernschwierigkeiten immer in Erwägung gezogen und ausgeschlossen oder behandelt werden.

Diagnose

Madenwürmer (Oxyuren) sind eine verbreitete Darmparasitenart, die durch große Widerstandskraft gegenüber Desinfektionsmitteln und sehr lange überlebensfähige Eier die Menschheit schon seit Jahrtausenden hartnäckig heimsucht.

Die Madenwürmer legen ihre Eier nachts in den Hautfalten rund um den After ab; die Weibchen kriechen dazu aus dem Darm heraus. Genau das erzeugt auch einen gewissen Juckreiz, den manche Kindern offenbar ignorieren können, während andere sehr empfindlich darauf reagieren. Um festzustellen, ob man ihnen als Wirt dient, überprüft man, ob diese Eiablage stattgefunden hat. Dazu drückt man direkt nach dem Aufstehen einen Streifen Tesafilm auf die Afterregion, zieht ihn wieder ab und klebt ihn auf einen Objektträger. Diesen bringt man zum Arzt, der nachsieht, ob er in dieser Probe unter dem Mikroskop die typischen, spitz zulaufenden und in der Mitte häufig geteilten Madenwurmeier (siehe Bild oben) entdeckt. Hobby-Mikroskopierer können dies auch selbst tun und am besten auf dem Präparat mit Folienstift die Fundstelle einkreisen, um sie zur fachlichen Überprüfung zum Arzt zu bringen. Es können selbst bei akutem Befall an manchen Tagen nur 5-10 Eier auf solch einem Klebestreifen zu finden sein, an manchen Tagen aber Dutzende; daher ist es sinnvoll, bei wahrscheinlicher Infektion an mehreren Tagen hintereinander diesen sog. „Abklatsch“ vorzunehmen. Ebenso dient er der Kontrolle des Behandlungserfolgs.

Die Weibchen sterben nach der Eiablage ab, aber es geschieht leicht, dass ein Kind sich selbst und andere mit der nächsten Wurmgeneration infiziert.

Infektionswege in Kindergarten, Schule und zu Hause

Putzt sich das Kind auf der Toilette ab und ist dabei nicht allzu säuberlich, wäscht sich auch nicht sehr gründlich die Hände (inkl. Fingernägel), dann können sich Madenwurmeier auf seiner Hand befinden. Sie sind mikroskopisch klein und nicht mit dem bloßen Auge oder einer Lupe zu erkennen. Die Eier sind äußerst klebrig und bleiben auch bei trockener Raumluft im Zimmer noch zwei bis drei Wochen lang fruchtbar. Sie können nun also zu einer Ansteckung beim selben Kind führen, wenn es die Finger in den Mund steckt oder sein eigenes Essen anfasst. Sie können aber auch andere Kinder infizieren. Durch herumliegende Unterwäsche können die Eier aufgeschüttelt und über den Zimmerstaub eingeatmet bzw. verschluckt werden. An Gegenständen, die das Kind anfasst (Spielsache, Bücher, Türgriffe…) können Eier kleben bleiben, die wiederum auf die Hände anderer Personen und beim Essen in den Mund geraten oder über die Raumluft beim Atmen verschluckt werden können. Das erklärt auch, warum man in Kindergärten des Problems kaum Herr werden kann – es ist schlicht nicht möglich, bei gleichzeitig ca. einem Dutzend infizierten Kindern (wie kürzlich in unserer Gegend) ein garantiert wurmeifreies Zimmer zu schaffen. Man müsste theoretisch drei Wochen warten, bis die letzten Eier mit Sicherheit vertrocknet sind, und das ist nur in den sommerlichen Schließzeiten des Kindergartens möglich. Umso wichtiger ist es, ab Beginn eines Kindergartenjahres auf gemeinschaftliches Händewaschen (inkl. Nagelbürsten) nach dem Toilettengang und vor dem Essen zu achten und die Kinder daran zu gewöhnen, keine Spielsachen in den Mund zu stecken. Ein entsprechend gut organisierter Ablauf, der es nicht den Kindern freistellt, ob und wann sie für persönliche Hygiene sorgen, erleichtert es, Reinfektionen zu vermeiden.

Was zu Hause hilfreich ist und was nicht

Für das häusliche Umfeld bedeutet dies aber auch, dass die oft zu hörenden Empfehlungen „täglich die Bett- und Leibwäsche der befallenen Personen auskochen und im Zimmer feucht wischen, um keine Eier beim Staubsaugen aufzuwirbeln“, Hausfrauen in den Wahnsinn treiben. Es ist kaum möglich, durch diese Mittel eine Re-Infektion auszuschließen. Ein initaler Wäschewechsel und Zimmerputz direkt vor der ersten Medikamenteneinnahme ist sinnvoll. Darüber hinaus aber genügt es, sich auf tägliches Waschen im Intimbereich, täglichen Wechsel der Unterwäsche und deren Ablage in eine Plastiktüte o.ä., die Verwirbelungen evt. noch vorhandener Eier vermeidet, zu beschränken. Nach Behandlung mit Albendazol (s.u.) können eigentlich schon zwei Tage nach der ersten Behandlung keine Eier mehr abgelegt werden, da die Weibchen tot sind; zur Sicherheit und um die Kinder an umsichtiges, hygienisches Verhalten zu gewöhnen, sollte man diese Gewohnheit aber für zwei Monate aufrecht erhalten. Viel wichtiger als tägliches Putzen ist es, die Kinder darüber hinaus an gründliches Händewaschen und kurz geschnittene Fingernägel, die keinesfalls in den Mund gehören, zu gewöhnen, und einen Behandlungszyklus einzuhalten, der dem Lebenszyklus der Würmer Rechnung trägt. Sonst entwickeln sich schon bald aus den Larven im Darm neue Würmer und die Infektion beginnt von vorne. Besonders bei der Behandlung mit Mebendazol können schon wenige Tage nach der Einnahme die nächsten Larven erwachsen werden und Eier ablegen. Besprechen Sie am besten die unten zum Download verlinkten Informationen mit Ihrem Haus- oder Kinderarzt.

Eigenheiten der Madenwürmer und Schwierigkeiten der Behandlung

Besonders schwierig ist es durch den Entwicklungszyklus der Tierchen, sie ein für alle Mal loszuwerden. Denn die Eier bleiben auch im Zimmer zwei bis drei Wochen lang (evt. sogar fünf Wochen) infektiös, während die Würmer im Körper 37 – 100 Tage alt werden und durch die meisten Medikamente nur die ausgewachsenen Würmer, nicht aber Eier und Larven abgetötet werden. Der meist empfohlene Behandlungszyklus trägt diesem Umstand zu wenig Rechnung, so dass nach vermeintlicher Heilung schon wenige Wochen nach der Medikamenteneinnahme neue Würmer schlüpfen, die die Behandlung im Larvenstadium ohne Schaden überdauert haben.

Es gibt nur einen Wirkstoff (Albendazol), der gegen alle Entwicklungsstadien der Madenwürmer wirksam ist. Albendazol ist in der Schweiz ein verbreitetes Standardmittel bei Madenwurminfektionen, in Deutschland hingegen ist es nur für Infektionen mit anderen Wurmarten vorgesehen, die Verschreibung durch den Arzt geschieht daher „Off-label“, d.h. auf persönliche Verantwortung des Arztes. Er muss mit ca. 40g Fett (in nicht-flüssiger Form, also kein Öl) eingenommen werden. Dazu eignen sich, auch als Trost für die betroffenen Kinder, größere Mengen Marzipan-Schokolade, Backcamenbert, Chips, Nüsse und ähnliche, sonst wegen ihres Fettgehalts eher verpönte Speisen. Es ist gar nicht so leicht, einem Kind, das sich normalerweise gesund ernährt, 40g Fett in einer Mahlzeit zuzuführen, ohne dass ihm übel wird.

Eine ausführliche Erklärung, warum diese Behandlung angesichts des Entwicklungszyklus der Würmer gerade auch bei hartnäckigen Infektionen sowie bei Mädchen (wg. vaginalem Befall) die beste Wahl ist, finden Sie z.B. in dieser Erläuterung des Österreichischen Instituts für Tropenmedizin und Parasitologie sowie als Arzt in folgendem Artikel des Medical Tribune. 

 

Es ist eine klassisch heilpädagogische Aufgabe, die Zusammenhänge zwischen körperlichen Erkrankungen und Lernverhalten zu erklären und in den Umgang mit einem Kind einzubeziehen. Erst nach Abheilung einer entsprechenden Krankheit lässt sich mit großer Klarheit einschätzen, ob daneben noch weitere, rein erzieherische Ursachen für ein verändertes Verhalten vorliegen. Mit der wachsenden Anzahl von Kindern, die inzwischen in Gemeinschaftseinrichtungen betreut werden,  darf man vermutlich mit einer zukünftigen Erhöhung der Infektionszahleln rechnen. In der früheren DDR ging man laut ÖGTP von 80 – 100% Durchseuchung aus, d.h. fast alle Kinder waren früher oder später davon betroffen. Eltern von jüngeren Kindern, die ältere Geschwister infizieren können, sollten sich daher über Madenwurm-Infektionen informieren.

Bitte sprechen Sie mit dem Arzt Ihres Vertrauens über die bestmögliche Behandlung. Unsere Informationen dienen der Aufklärung und ersetzen keinen Arztbesuch.

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