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Streit und Ärger im Zusammenhang mit den Hausaufgaben ist in den Medien ein unerschöpfliches Thema. In regelmäßigen Abständen erhalten die angeblich geplagten Eltern von Journalisten, Schulpsychologen und allen, die sich sonst noch dazu berufen fühlen, Tipps zum stress- und streitfreien Umgang mit den Hausaufgaben. Fakt ist, auch aus wissenschaftlicher Perspektive: Hausaufgaben sind einer der häufigsten Konfliktpunkte zwischen Eltern und Kindern und überschatten den Alltag vieler Familien. Erstaunlicherweise findet man nur wenige empirische Untersuchungen, die erforschen, wie es zu diesen konflikthaften Auseinandersetzungen um die Hausaufgaben kommt. Eine aktuelle wissenschaftliche Studie will dies ändern.

Wir haben uns darüber ausgetauscht, was das bedeutet – normal gesetzte Abschnitte sind von Erwin Breitenbach, kursive von Miriam Stiehler.

Titel der Studie: Keine Hausaufgaben ohne Stress? Eine empirische Untersuchung zu Prädiktoren von Streit wegen Hausaufgaben.

Autoren der Studie: Dr. Sandra Moroni (Pädagogische Hochschule Bern), Dr. Hanna Dumont (Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung, Berlin) und Prof. Dr. Ulrich Trautwein (Universität Tübingen)

Veröffentlicht in: Psychologie in Erziehung und Unterricht, 2016, 63. Jahrgang, Heft 2, S. 107-121

 

Zusammenfassung:

Im einleitenden Teil des Artikels wird die aktuelle empirische Forschungslage rund um die Hausaufgaben zusammengetragen. Folgende Aussagen gelten als empirisch gut belegt:

– Das sorgfältige Erledigen von Hausaufgaben geht mit einer positiven Leistungsentwicklung einher und wird daher als sinnvoll erachtet.

(Anmerkung: Das heißt nicht, dass das sorgfältige Erledigen von Hausaufgaben zu guten schulischen Leistungen führt. Hier wird nur über eine korrelative Beziehung berichtet und über keine kausale. Das sorgfältige Erledigen von Hausaufgaben wird lediglich gleichzeitig mit einer positiven Leistungsentwicklung beobachtet. Es wäre durchaus auch denkbar, dass die von Hause aus leistungsstarken Schüler ihre Hauaufgaben sorgfältig erledigen oder von der sorgfältigen Erledigung der Hausaufgaben am meisten profitieren. Die Behauptung, Hausaufgaben seien wegen dieses korrelativen Zusammenhangs mit Sicherheit ein sinnvolles Unterfangen, ist keine gerechtfertigte Schlussfolgerung. Nicht berücksichtigt wird hier auch die Tatsache, dass Hausaufgaben nicht gleich Hausaufgaben sind. Es gibt klug gestellte, das Lernen unterstützende, und es gibt weniger durchdachte, eher nervende. Leistungsstarke Schüler kommen auch mit letzteren problemlos klar und können sie vielleicht sogar für sich nutzbar machen.)

– Bei der elterlichen Hausaufgabenunterstützung scheint es entscheidender zu sein, wie Eltern helfen und nicht so sehr, wie lange. Respektieren Eltern in ihrem Helfen die Eigenständigkeit und Eigenverantwortlichkeit ihrer Kinder, geben sie ihnen eine ansonsten fehlende Struktur beim Arbeiten und unterstützen sie diese emotional durch Aufmunterung, Lob usw., zeigt sich in den vorliegenden Studien ein positiver Zusammenhang zu den schulischen Leistungen ihrer Kinder. Ein negativer Zusammenhang stellt sich angeblich ein, wenn die elterliche Hilfe durch Einmischen, Kontrolle und negativen Emotionen geprägt ist.

(Anmerkung: Auch hier handelt es sich wie oben um einen korrelativen Zusammenhang. Man könnte sich auch vorstellen, dass es Eltern von leistungsstarken Schülern leichter gelingt, sich emotional unterstützend und Freiheit gewährend zu verhalten. Hingegen könnten schlechte schulische Leistungen der Kinder Eltern eher dazu veranlassen, sich häufiger einzumischen, mehr zu kontrollieren und öfter mit negativen Emotionen zu reagieren. Allerdings gibt es pädagogische Theorien und praktische Erfahrungen, die eine die Autonomie fördernde, Struktur gebende und emotional stützende Hilfe als sinnvoll erscheinen lassen. Man weiß, dass dies vor allem langfristig tatsächlich die Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft der Kinder fördert.)

Im weiteren Verlauf des Artikels wundern sich die Autorinnen und der Autor, dass man so wenig über den Streit bei Hausaufgaben weiß, zumal ein solcher Streit die Beziehung zwischen Eltern und Kind doch erheblich belastet und sich ungünstig auf die weitere Lernentwicklung des Kindes auswirkt. Sie möchten deshalb mit ihrer Studie diese schmerzhafte Wissenslücke schließen und gingen deshalb der Frage nach, unter welchen Bedingungen es beim Erledigen der Hausaufgaben zum Streit zwischen Eltern und Kind kommt.

Um eine Antwort zu finden, befragten sie 2758 Schülerinnen und Schüler aus Mittel-, Haupt- und Realschulen sowie deren Eltern zur Hausaufgabensituation und erfassten die schulischen Leistungen der Kinder mittels Leistungstests und Schulnoten. Es wurden also sowohl Merkmale der Kinder als auch der Eltern untersucht. Die Hausaufgabensituation wurde sowohl aus der Perspektive der Eltern als auch aus der der Kinder betrachtet.

Aus beiden Perspektiven heraus zeigte sich, dass bessere schulische Leistungen mit weniger Streit wegen der Hausaufgaben einhergehen. Die Kinder vertraten mehrheitlich den Standpunkt, dass sich diese Streitereien vermeiden lassen, wenn sich die Eltern beim Helfen weniger einmischen und weniger kontrollierend verhalten. Die Eltern sahen dies nicht so, sondern berichteten, dass es ihrer Meinung nach häufig zum Streit kommt, wenn sie selbst nicht so genau wissen, wie sie eigentlich helfen sollen, weil es in den Hausaufgaben um Dinge geht, von denen sie selbst nichts oder nur sehr wenig verstehen.

Was lernen wir nun daraus?

  1. Wieder einmal wird die altbekannte pädagogische Weisheit bestätigt, dass es bei zwei Konfliktpartnern immer zwei Perspektiven gibt, die in der Regel sehr unterschiedlich sind und dass Streit vermieden werden oder schnell beendet werden kann, wenn man die Perspektive des Gegenübers einnehmen und ihn damit verstehen kann. Obwohl diese Weisheit altbekannt ist, wird sie allzu oft nicht beachtet. Anscheinend gerät sie immer wieder in Vergessenheit und es ist deshalb wichtig, immer wieder daran zu erinnern.
  2. Gerade Kinder kurz vor oder in der Pubertät streben zunehmend nach Unabhängigkeit. Gelingt es Eltern, dieses Streben zu akzeptieren oder gar zu unterstützen, treten Konflikte und Streitereien nicht nur bei den Hausaufgaben, sondern überhaupt deutlich seltener im Familienalltag auf. Kommentar von Miriam Stiehler: Wenn in den Jahren vor der Pubertät so viele gute Gewohnheiten, Kompetenzen, Fähigkeit zur Selbstkritik, Zuverlässigkeit etc. aufgebaut wurden, können Eltern ab der Pubertät beginnen, die Früchte dieser Erziehungsarbeit zu ernten. Sie können dann ihren Kindern auch vertrauensvoll Freiheit gewähren. Wenn das aber nicht geschehen ist und sich Eltern trotzdem gute Schulleistungen wünschen, werden sie stark eingreifen und emotional negativ reagieren, da sie mit ihren Kindern (und evt. sich selbst) unzufrieden sind – was gerade dann auf das Freiheitsstreben trifft und Probleme macht.
  3. Oft entsteht Ärger und Streit, weil sich Eltern hilflos fühlen. Weil sie gerne ihre Kinder unterstützen möchten, aber nicht so recht wissen wie oder den Eindruck haben, es gelingt ihnen einfach nicht oder nicht besonders gut. Sie ärgern sich im Grunde mehr über sich selbst als über ihre „begriffsstutzigen“ Kinder.

Man könnte aus diesem Untersuchungsergebnis jedoch auch schlussfolgern, dass Eltern nicht die Rolle von Hilfslehrern einnehmen sollten, um regelmäßig Nachhilfe zu geben. Dies zählt nicht zu ihren originären Erziehungsaufgaben und dazu fehlen ihnen meistens auch die entsprechenden Kompetenzen. Wäre es nicht völlig ausreichend, wenn Eltern dafür sorgen, dass die Hausaufgaben vollständig und regelmäßig erledigt werden. Das Aufholen von Lernrückständen ist und bleibt eine Aufgabe der Schule und nicht eine des Elternhauses.

Kommentar von Miriam Stiehler: Jein, da würde ich durchaus als Mutter und Lehrerin widersprechen. Sicher ist das theoretisch die Aufgabe der Schule, und man kann nur hoffen, dass die Schule sie erfüllt. Aber das ist in vielen Fächern nicht der Fall, und dann steht man blöd da, wenn man sieht, wie die Kinder a) kein tragfähiges Fundament bekommen, da schlicht zu wenig geübt wird, und wie b) begabte Kinder oder solche mit Förderbedarf hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben, da Individualisierung in der Praxis weitgehend fehlt.

Es ist ein großes Problem, wenn sich Eltern an der falschen Stelle zu schlechten Hilfslehrern machen; ich habe dazu eindrückliche Videos aus meiner Beratung. Ganz furchtbar. Aber ich verstehe Eltern, die sagen: „Wenn die Lehrer ihren Job nicht machen, kann ich entweder zusehen, wie mein Kind die Folgen des schlechten Unterrichts trägt, oder ich versuche, die Lücken auf eigene Faust zu füllen.“ Mir geht es genauso; ich habe nur das Glück, didaktisch zu wissen, was ich tue. Für alle anderen bleibt das Problem ohne Hilfe von außen ungelöst.

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