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Unser Artikel über den Zusammenhang zwischen „Du, Frau Lehrerin“ und schlechter Bildung hat Wellen geschlagen. Manche Leser meinen, ausländische Schüler seien mit dem „Sie“ überfordert oder das wahre Problem läge beim sozialen Hintergrund der Schülerschaft. Die Reaktionen waren so vielfältig, dass es sich lohnt, auf einige der Gegenargumente gesondert einzugehen.

Gegenargument „Die Schüler sind die Ursache, nicht die Lehrer“:

Hier wird erwidert, die Einstellung, die sich im Duzen zeigt, sei nicht die Ursache für die  schlechte Rechtschreibleistung, sondern beides sei eine angemessene Reaktion der Lehrer auf Schüler aus bildungsfernen und sozial schwachen Familien wie z.B. ind den Stadtstaaten. Das kann man so sehen, es bedeutet aber in letzter Konsequenz, dass man Schüler aus sozial schwachen Milieus nicht einmal in so etwas Alltäglichem wie der richtigen Anrede die gleiche Lernleistung zutraut wie Schülern aus gebilderteren Familien. Wenn sich Lehrkräfte dem niedrigen sprachlichen und sozialen Niveau dieser Schülerhaft nach unten anpassen, dann schaden  sie ihnen und machen es ihnen schwerer, in höhere Bildungsniveaus aufzusteigen. Oder steht dahinter die Auffassung, manche Menschen würden es sowieso nie besser lernen, sie seien also nur eingeschränkt bildbar? Auch das kann man so sehen, dann sollte man dazu allerdings offen stehen, anstatt zu behaupten, jeder könnte alles werden. Wer Menschen nicht einmal korrekt siezen oder duzen kann, dem steht ganz sicher nicht jeder Bildungsweg und jeder Berufswunsch offen.

 

Gegenargument: Korrelation oder Kausalität?

Dieses Argument ist dem vorherigen ähnlich. Hier wurde allgemein eingewendet, der beschriebene Zusammenhang sei lediglich eine Korrelation, es werde ja niemand schlecht im Rechtschreiben, nur weil er den Lehrer duzen dürfe. Nun, so simpel sehen es die Studienautoren auch nicht; ihnen geht es um eine generelle Einstellung der Lehrkräfte, die sich im Zulassen des grammatikalisch falschen Duzens zeigt und bei den Schülern schlechtere Lernerfolge bewirkt.

Korrelationen können nicht ohne weiteres kausal interpretiert werden. Sie zeigen nur, welche Phänomene gleichzeitig, also gemeinsam miteinander, auftreten. So finden sich in dieser Studie z.B. Lehrer, die sich duzen lassen, die gleichzeitig im Rahmen einer informellen Schulkultur unterrichten, die gleichzeitig in einem Bundesland leben, indem die Schulpolitik von Grünen und SPD bestimmt wird, die nicht gleichzeitig von Anfang an von ihren Schülern das Einhalten der Rechtschreibregeln fordern und deren Schüler im Ländervergleich schlechte Rechtschreibleistungen erbringen. In einem weiteren Schritt muss man darüber nachdenken, ob es für dieses gleichzeitige Auftreten gemeinsame Ursachen oder Bedingungen gibt, ob es zwischen den gleichzeit beobachteten Phänomenen möglicherwiese kausale Verbindungen gibt usw. Dies leistet dann die kritische Interpretation der gewonnenen Daten. Über solche möglichen kausalen Zusammenhänge, auf die die korrelativen Zusammenhänge verweisen, kann man natürlich trefflich streiten, je nach Argumentation.

Mangelnde Signifikanz der Daten 

Eine Leserin war der Meinung, die Signifikanz der Daten sei ihr nicht hoch genug, um sich in Zukunft siezen zu lassen. Nun wissen wir nicht, wie hoch aus ihrer Sicht die Signifikanz sein müsste, um das zu tun. Aber die vorliegenden Daten sind aus vielerlei Gründen ernstzunehmen:

Die verwendete Forschungsmethode emtspricht der Fragestellung. Die gebildeten Hypothesen lassen sich mit der eingesetzen Methode prüfen. Mit der Verteilung der Fragebögen  (2 Schulen pro Wahlkreis) hat man bezüglich der Fragestellung eine sinnvolle Stichprobe gezogen und eine ausreichend gute  Repräsentativität erreicht. Die Rücklaufquote ist mit 61 Prozent überragend, sodass auch hier keine systematischen Verzerrungen bei der Repräsentativität anzunehmen sind. Die statistischen Kennwerte sind alle in der Veröffentlichung mitgeteilt, sodass die Auswertung der Daten nachvollziehbar ist. Die berechneten Korrelationen sind auf Signifikanz hin geprüft. Herz, was willst du mehr? Alles in allem liegt also eine methodisch saubere Untersuchung vor, deren Ergebnisse ernst zu nehmen sind.

Angebliche große Differenz zur Muttersprache bei ausländischen Schülern

So schreibt z.B. eine Lehrkraft, ihre Schüler aus Syrien und der Türkei müssten erst einmal lernen, überhaupt Verben zu verwenden – als gäbe es in deren Muttersprache keine. Dabei ist im Türkischen wie z.B. auch im Französischen sogar die 2. Person Plural diejenige Verbform, die auch die Funktion des Siezens erfüllt. Es ist erstaunlich, für wie übersimpel offensichtlich die Herkunftssprachen ausländischer Kinder gehalten werden, als wären es Hottentotten-Slangs auf dem Niveau von „Ich Tarzan, du Jane“. Ist es nicht eigentlich rassistisch, zu glauben, fremdländische Muttersprachen würden keine so komplexen Strukturen beinhalten wie das Deutsche?

Beispiel: Im Türkischen ist die Konjugation bereits im Präsens wesentlich komplexer als im Deutschen, da sich z.B. die Infinitiv-Endung -mak oder -mek danach richtet, ob im Verbstamm ein heller oder dunkler Vokal vorkommt. Noch komplexer wird es beim türkischen Ausdruck für „sein“, der als Endung an Nomen bzw. Adjektive angehängt wird. Hier gibt es vier verschiedene Konjugationen zu lernen, die sich wiederum nach dem Vokal im Wortstamm richten. Auch gibt es im Türkischen einen Ablativ und ortsanzeigende Postpositionen; übertroffen werden diese an Kompliziertheit nur noch von den acht mal sechs verschiedenen Formen der Possessivsuffixe. Wer das kann, für den ist das deutsche Siezen eine Kleinigkeit.

Ideologische Ablehnung des Siezens bzw. sichtbarer Hierarchien im allgemeinen

Außerdem zeigt sich in diversen Beiträgen eine sehr große Zögerlichkeit gegenüber dem Siezen, weil es wird offenbar weitgehend als spießig und uncool betrachtet wird. Offenbar gibt es sogar Schulen, an denen sämtliche Mitarbeiter sich duzen und mit Vornamen ansprechen lassen.

Das Argument, dass „Frau X, kannst du mal…“ schlicht und einfach falsches Deutsch ist, prallt an einer Gummiwand aus „Das macht doch nix, sind ja Kinder“ ab. „Richtiges“ Deutsch für erstrebenswert zu halten, erscheint  spießig. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. So zu denken ist mir einfach völlig fremd. Wenn es eine richtige Form gibt, warum sollte man dann eine falsche benutzen und dies auch noch Kindern lehren? Aber genauso wie aus Schulfächern wie Werken und Handarbeiten, in denen früher einmal handwerklich solide Arbeitstechniken erlernt wurden die einigermaßen professionelle Ergebnisse ermöglichten, nur noch ein „Gestalten“ nach minimaler Einweisung geworden ist, hat sich in vielen pädagogischen Kontexten die Verachtung für jegliche Form von Korrektheit und Meisterschaft breit gemacht, gemeinsam mit der Verachtung von Leistung.

Selbstgenügsamkeit ohne selbstkritische Suche nach Verbesserungsmöglichkeiten

Manche Kommentatoren fragen sich anscheinend gar nicht, ob es vielleicht besser wäre, etwas anders zu machen. Verbreitet ist der Tenor „Meine Schüler lernen trotz „Du“ bei mir gut schreiben“. Was heißt für diese Lehrkräfte „gut schreiben können“ und woher nehmen sie eigentlich die Gewissheit, dass sich an ihrem Unterricht nichts mehr verbesseren ließe? Würden sie ihre Einstellung und Herangehensweise ändern, würden ihre Schüler vielleicht nicht nur gut sondern am Ende sogar sehr gut schreiben lernen. Das ist schade, denn eigentlich kann sich doch jeder verbessern und jeder sollte sich darum bemühen.  Solche nüchternen Studien sind anregend und bieten eine gute Möglichkeit, die eigene Arbeit kritisch zu überprüfen und zu überdenken.

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