Von

„Die Psychologen wissen nicht, was Intelligenz ist, aber sie können sie messen – ha, ha, ha, selten so gelacht!“. Mit solchen oder ähnlichen Sprüchen machen sich Laien, Pädagogen, aber auch Psychologen selbst gerne über die Intelligenz und ihre Erforschung lustig. Sie erwecken damit den Eindruck, es handle sich um ein Phänomen, über das im Grunde niemand so wirklich etwas weiß. Die Intelligenzmessung mittels Intelligenztests erregt besonders häufig und heftig die Gemüter, vor allem, wenn die Testergebnisse nicht den Erwartungen entsprechen. Allzu schnell ist man dann bereit, die ganze Geschichte mit den Intelligenztests als sowieso fragwürdig, spekulativ und unseriös zu bezeichnen.

Da Vorurteile gegenüber der Intelligenz und ihrer Messung sogar in Fachkreisen verbreitet sind, sahen sich die pädagogische Psychologin Elsbeth Stern von der Eidgenössischen Technischen Universität Zürich und der differentielle Psychologe Aljoscha Neubauer von der Universität Graz –  beide ausgewiesene und renommierte Wissenschaftler im Bereich der Intelligenz- und Begabungsforschung – veranlasst, sich mit drei weitverbreiteten Fehlannahmen über Intelligenz und ihrer Messung auseinanderzusetzen:

  1. Es gibt viele Intelligenzen und Psychologen können sich sowieso nicht auf eine einheitliche Definition einigen (Definitionsproblem).
  2. Die Leistung im Intelligenztest hat nichts mit Kompetenzen im wahren Leben zu tun (Realitätsproblem) und
  3. wenn Intelligenz in unseren Genen verankert ist, bleiben Umwelteinflüsse unwirksam (Ursachenproblem).

Zu 1 – Definitionsproblem: Es gibt sehr wohl eine Intelligenzdefinition, die umfassend beschreibt, welche geistigen Anforderungen Menschen im realen Leben mehr oder weniger erfolgreich bewältigen müssen. Diese Anforderungen kann man auch in Intelligenztestaufgaben verlässlich abbilden. Führende Intelligenzforscher haben sich 2012 in einem gemeinsamen Fachartikel auf diese Definition geeinigt. Richtig ist, dass der Einsatz bestimmter statistischer Forschungsmethoden wie zum Beispiel die Varianz- bzw. Faktorenanalyse in der Vergangenheit zu unterschiedlichen Strukturmodellen der Intelligenz mit unterschiedlich vielen und unterschiedlich gewichteten Intelligenzfaktoren führte. Auch die mittlerweile als Irrwege erkannten Multiple Intelligenztheorien von Gardner und Golemans Emotionale Intelligenz stifteten Verwirrung anstatt zur Klärung des Intelligenzbegriffs beizutragen. Eine Integration der bedeutendsten Intelligenztheorien gelang bereits 1993 John Carroll und dann schließlich 2009 McGrew. Seither wird das so genannte Cattel-Horn-Carrol (CHC) Modell von den meisten Fachleuten als State-of-the-Art Strukturkonzept der Intelligenz gesehen. Der Vorwurf, Psychologen wüssten selbst nicht, was Intelligenz ist, gilt nicht länger – so das erste Resumee von Stern und Neubauer.

Zu 2 – Realitätsproblem: Zahlreiche Meta-Analysen (= zusammenfassende Analyse und Beurteilung vieler einzelner Studien zum gleichen Thema) aus den vergangen 15 Jahren zeigen eine äußerst homogene Befundlage. Hunderte von Studien mit Stichprobengrößen im sechsstelligen Bereich bilden die Basis für die Aussage, dass Intelligenz von großer Bedeutung ist für Erfolg in Schule, Ausbildung und Beruf. Sie stellt damit einen verlässlichen und gültigen Maßstab für die kognitive Leistungsfähigkeit einzelner Menschen dar. Dabei ist die Intelligenz selbstverständlich nicht der einzige Faktor und auch nicht der Garant für solche Erfolge, doch von allen mit psychologischen Tests messbaren Eigenschaften ist die Intelligenz die nachgewiesenermaßen bedeutendste. In diesem Zusammenhang erweist sich ein weiteres Vorurteil als äußerst hartnäckig: Menschen, die überdurchschnittlich gut in Intelligenztests abschneiden, hätten angeblich mehr soziale oder psychische Probleme als nicht so Intelligente und sie verhielten sich zudem nicht selten egoistisch oder gar bösartig. Auch diese Annahme ist für die Autoren Stern und Neubauer wissenschaftlich nicht haltbar. Vielmehr gibt es zahlreiche Hinweise zum Beispiel aus der Hochbegabtenforschung und aus groß angelegten Längsschnittstudien, dass intelligente Menschen – von wenigen Ausnahmen abgesehen – deutlich besser ihren Weg durchs Leben finden. Gut belegt ist auch, dass ein Mehr an Intelligenz ein Mehr an Gesundheit und Lebensqualität mit sich bringt. Allerdings ist eine hohe Intelligenz natürlich kein Selbstläufer, sondern sie bringt nur dann Vorteile in modernen Gesellschaften, wenn sie in Wissen umgesetzt wird, das man im Alltag tatsächlich anwendet.

Zu 3 – Ursachenproblem: Wer behauptet, Intelligenz sei vollständig genetisch bestimmt, nimmt an, dass der gemessene IQ ein Abbild der genetisch determinierten geistigen Leistungsfähigkeit des Menschen ist. Gepaart mit der Annahme, dass weniger Intelligente deutlich mehr Nachkommen in die Welt setzen, löst dies seit einiger Zeit die Angst vor kollektiver Verdummung aus; nachzulesen zum Beispiel bei Herrn Sarrazin in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“. Hier zeigt sich ein weit verbreitetes falsches Verständnis von Prozentangaben aus verhaltensgenetischen Studien über das Verhältnis von Erbe und Umwelt. Wenn diese Studien aussagen, dass bis zu 80 Prozent der Intelligenz erblich sind, dann heißt das für den unbedarften Leser logischerweise, dass der Rest von nur 20 Prozent umweltbedingt ist.

Eine solche Behauptung missachtet jedoch die Tatsache, dass sich die Prozentangaben nur auf die Varianz einer Stichprobe beziehen und nicht auf die individuellen Ressourcen. Korrekt wäre die Aussage, dass die Unterschiede (Varianz) der Menschen bei der Intelligenz zum Beispiel zu 80 Prozent durch die Gene erklärt werden können. Gleichzeitig ist jedoch auch die Umweltvarianz zu beachten: In einer extrem egalitären Gesellschaft mit für jeden Menschen gleichen Lern-, Entwicklungs- und Bildungsbedingungen gäbe es immer noch Menschen mit unterschiedlicher Intelligenz. Diese Unterschiede wären dann jedoch zu 100 Prozent genetisch bedingt. Im gegenteiligen Fall, bei sehr heterogen Lern-, Entwicklungs- und Bildungsbedingungen wären die Intelligenzunterschiede rein umweltbedingt und die genetischen Einflüsse gingen dann im Extremfall gegen Null. Umwelt und Erbanlagen sind nicht zu trennende und sich gegenseitig bedingende Wirkfaktoren der menschlichen Entwicklung. Desweitern ist eine Gleichsetzung von genetisch und unveränderbar ebenfalls nicht statthaft. Die amerikanische Psychologin und Autorin bedeutender Studien zur Erforschung des Zusammenwirkens von Genen und Umwelt bringt den Sachverhalt auf den Punkt mit ihrer Aussage, dass Umwelteinflüsse den Mittelwert eines Merkmals erhöhen können, während die Gene die Streuung um den Mittelwert erklären.

Stern und Neubauer stellen abschließend fest: „Nach hundert Jahren Anwendung und Forschung zu Intelligenztests, die zugegebenermaßen auch mit Irrtümern und Missbrauch einhergingen, haben sich theoretisch gut abgesicherte Modelle der menschlichen Intelligenz etabliert. Der guten psychometrischen Qualität von Intelligenztests haben wir profunde Erkenntnisse über das Zusammenwirken von Genen und Umwelt bei psychologischen Merkmalen zu verdanken, die eine einseitige Ursachenzuschreibung (Gene oder Umwelt?) längst obsolet gemacht haben. … Für den praktischen Einsatz von Intelligenztests gilt, dass es – abgesehen vom bereichsspezifischen Vorwissen – keine vorhersagekräftigeren Diagnoseinstrumente für die individuelle Lern- und Bildungsfähigkeit gibt. Und die Prognosefähigkeit der Intelligenztests ist durchaus vergleichbar mit den genauesten medizinischen Diagnosen.“

Der Text ist die Zusammenfassung eines kürzlich erschienenen Fachartikels von Elsbeth Stern und Aljoscha Neubauer. Der komplette Artikel ist unter folgender Literaturangabe zu finden:

Stern, E. u. Neubauer, A. (2016): Intelligenz: kein Mythos, sondern Realität. In Psychologische Rundschau 67 (1), 15-27.

Über den Autor

 

Hinterlassen Sie einen Kommentar