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Jeder Kindergarten, der etwas auf sich hält, bereitet seine Kinder möglichst gut auf die Schule vor. Besonders konzentriert man sich in diesem Zusammenhang auf die sogenannten Vorläuferfertigkeiten, die Voraussetzung für das Erlernen des Lesens, Schreibens und Rechnens sind. Ihre Förderung soll Lernschwierigkeiten in der Schule vorbeugen. Basiskompetenzen wie zum Beispiel das Zahlverständnis werden deswegen fleißig mit Hilfe einschlägiger Förderprogramme geübt.

Die angebotenen Förderprogramme insbesondere zur Prävention von Rechenschwächen basieren allerdings auf recht verschiedenen theoretischen Grundannahmen. Die Art und Weise, wie die Vorschulkinder gefördert werden, unterscheidet sich deswegen von Programm zu Programm recht deutlich. Auch die Wirksamkeit der Förderprogramme ist nicht immer zufriedenstellend nachgewiesen. Die Auswahl eines geeigneten Förderprogramms ist deshalb gar nicht so einfach. Sie erfordert viel Fachwissen und einen guten Überblick.

Ein soeben in der Fachzeitschrift „Frühförderung interdisziplinär“ veröffentlichter Artikel nimmt sich genau dieses Qualitätsproblems an und will Hilfestellung bei der Programmauswahl geben.

Titel der Studie: Qualitätskriterien für Förderansätze zur Prävention von Rechenschwäche.

Autoren der Studie: Kirstin Krajewski (Pädagogische Hochschule Ludwigsburg) und Stefanie Simanowski (Universität Gießen)

Veröffentlicht in: Frühförderung interdisziplinär, 36. Jahrgang, S. 93-105 (2017)

Zusammenfassung:

Nach einer ausführlichen Erläuterung der benutzen Bewertungskriterien werden vier häufig in vorschulischen Bereich eingesetzte Förderverfahren kritisch untersucht und bewertet.

1. Verwendete Bewertungskriterien

Inhaltsspezifität: Die Förderung sollte sich unmittelbar auf die Auseinandersetzung mit numerischen Inhalten, also Mengen und Zahlen konzentrieren und nicht auf unspezifische Fähigkeiten wie Wahrnehmung und Motorik.

Entwicklungsorientierung: Die Förderung sollte sich an gut belegten Theorien zur Entwicklung mathematischer Basiskompetenzen orientieren und keinen Entwicklungsschritt auslassen. Beim Fördern auf einer Stufe sollte man immer auch schon die nächsten im Blick haben. Dies betrifft vor allem die verwendeten Fördermaterialien (z.B. zur Repräsentation von Zahlen). Sie sollten so ausgewählt sein, dass sie nicht nur dem Erwerb niedriger, sondern auch höherer Kompetenzen dienen. Eine effektive Förderung darf auf keinen Fall die kindlichen Kompetenzen überschätzen und bei der Förderung zu hoch ansetzen. Bestimmt man die Entwicklungsebene, auf der sich ein Kind bewegt, sollte diejenige Stufe gewählt werde, die zum Erreichen der gezeigten Leistung unbedingt notwendig aber auch ausreichend ist.

Verwendung von Materialien und Vorgehensweisen, die Arbeitsgedächtnis, Aufmerksamkeitssteuerung und Selbstregulation entlasten: Vorschulkinder mit Beeinträchtigungen in Arbeitsgedächtnis, Aufmerksamkeitssteuerung und Selbstregulation unterliegen einem erhöhten Risiko, in der Schule Lernschwierigkeiten zu entwickeln. Deswegen sollten zum Beispiel Instruktion und Darstellungsmittel so gestaltet sein, dass sie das Arbeitsgedächtnis entlasten und Aufmerksamkeitssteuerung und Selbstregulation nicht zu sehr beanspruchen.  So setzt eine durch häufige Wiederholung erreichte Automatisierung Speicherkapazitäten frei, die an anderer Stelle dringend gebraucht werden.

Verwendung „mathematischer Sprache“ zur gezielten Aufmerksamkeitslenkung: Da die Alltagssprache manchmal von der „mathematischen Sprache“ abweicht, ist es wichtig, mathematische Begriffe korrekt zu erklären und zu verwenden. Hierdurch wird die Aufmerksamkeit gerade von Kindern mit Beeinträchtigungen im mathematischen Denken auf die numerischen Lerninhalte gelenkt.

Anforderungen an die empirische Evaluation: Der empirische Nachweis der Wirksamkeit gelingt nur, wenn neben einer Gruppe mit geförderten Kindern mindestens eine mit nicht oder alternativ geförderten als sogenannte Kontrollgruppe in die Untersuchung einbezogen wurde. Nur wenn die Lernzuwächse der mit dem Programm geförderten Kinder deutlich größer sind als die der nicht oder alternativ geförderten, kann man von einem Trainingseffekt sprechen.  Auch sollte durch eine sogenannte Follow-up-Untersuchung einige Monate nach Abschluss der Förderung nachgewiesen werden, dass die Lernfortschritte stabil und nachhaltig sind. Verbesserte Leistungen sind erst dann ein ernst zu nehmender Trainingseffekt, wenn ihre Signifikanz durch angemessene statistische Verfahren nachgewiesen ist und die entsprechenden statistischen Kennwerte mitgeteilt werden. Als besonders effektiv gelten Programme, die neben kurz- und langfristiger Wirksamkeit auch Transfereffekt auf die schulischen Leistungen nachweisen. Einem Förderprogramm, von dem lediglich behauptet wird, es sei wissenschaftlich evaluiert oder geprüft ohne dass die dazugehörigen Daten und Kennwerte berichtet werden, sollte man immer mit einem gehörigen Misstrauen begegnen.

2. Beurteilung der Förderprogramme

Komm mit ins Zahlenland (2011):

  • nicht inhaltsspezifisch
  • nicht stringent am Entwicklungsverlauf orientiert
  • Belastung des Arbeitsgedächtnisses durch irrelevante Informationen
  • hohe Anforderungen an die kindliche Selbstregulationsfähigkeit
  • keine nachgewiesenen mathematikspezifischen Fördereffekte
  • keine langfristigen Transfereffekte auf schulische Leistungen, obwohl dies fälschicherweise von den Autoren behauptet wird.

Mathematik im Vorschulalter (2009):

  • neben inhaltsspezifisch mathematischen Förderbereichen auch solche von allgemein kognitiver Natur, deren Beziehung zum mathematischen Denken nicht immer nachgewiesen ist
  • keine klaren Bezüge zu einer Entwicklungstheorie
  • Aufgaben enthalten oft irrelevante Anteile, die das Arbeitsgedächtnis unnötig belasten
  • nur eine Evaluationsstudie zu kurzfristigen Lerneffekten, jedoch ohne Angabe der relevanten statistischen Kennwerten
  • kein Nachweis über langfristige Wirkungen und Transfereffekte auf Schulleistungen

 

Mathematik- und Rechenkonzepte im Vor- und Grundschulalter – Training (2013) sowie Minna und der Maulwurf (2011):

  • beide Förderprogramme sind inhaltsspezifisch
  • beide orientieren sich im Aufbau an einer relevanten Entwicklungstheorie
  • in weiten Teilen korrekte Verwendung mathematischer Begriffe
  • Darstellungsmittel und Aufgaben nicht immer ressourcenschonend, was das Arbeitsgedächtnis und die Aufmerksamkeitssteuerung angeht
  • vier Evaluationsstudien mit kurz- und langfristigen Effekten, jedoch mit erheblichen forschungsmethodischen Mängeln und unzureichender Ergebnismitteilung.

Mengen, zählen, Zahlen (2007):

  • inhaltsspezifisch und am Entwicklungsmodell der Zahl-Größen-Verknüpfung orientiert
  • konkret anschauliche, aber auf numerische Aspekte reduzierte Materialien
  • Wirksamkeit in vielen methodisch anspruchsvollen Studien überprüft
  • Nachweis von kurzfristigen und langfristigen Effekten
  • Transfereffekte auf schulisches Lernen

Anmerkungen:

Dieser Artikel von Frau Krajewski und Frau Simanowski besticht aus meiner Sicht – neben seiner hohen Relevanz für die Praxis – durch die Auswahl wissenschaftlich gut begründeter Bewertungskriterien, in denen sich nachgewiesenermaßen die Qualität von Förderprogrammen widerspiegelt. Nun könnte es so aussehen, als ob Frau Krajewski hier aus einer gewissen subjektiven Befangenheit heraus ihr eigenes Programm als qualitativ hochwertig lobt und die anderen heftig kritisiert. Dem ist jedoch nicht so. Wer die Förderprogramme kennt und wissenschaftlich begründete  Beurteilungsmaßstäbe anlegt, gelangt zwangsläufig zu einer vergleichbaren Einschätzung.

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