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Wie schnell sollte ein Kind in der 1., 2., 3. und 4. Klasse lesen können? Welche Ziele können Eltern und Lehrer zu verschiedenen Zeitpunkten des Schuljahres anstreben? Als Antwort auf dieser Fragen stelle ich heute zwei machbare Verlaufskurven für die schulische und häusliche Praxis vor. Gute Kinderbücher zur Anwendung finden Sie auf meiner Praxisseite in der Kinderbibliothek.

Dass 150 Wörter pro Minute (WPM) die „magische Grenze“ für flüssiges, sinnentnehmendes Lesen darstellen, wurde bereits hier ausführlich erklärt. Warum sich dieses Fähigkeit nicht von selbst einstellt, habe ich ebenfalls erläutert. Bitte lesen Sie in diesen Abschnitten nach, um die Voraussetzungen für das Folgende nachzuvollziehen.

Je nach didaktischer Akzentsetzung sind folgende Verläufe als Unterrichtsziele empfehlenswert (angegeben sind die laut gelesenen WPM), jeweils etwa zum Ende der genannten Jahreszeit, abhängig vom Schulkalender des Bundeslandes (für Bayern also z.B. Winter = Ende Februar, Frühling = Ende April / Anfang Mai, Herbst = Ende Oktober Anfang November). Sie sind auch vergleichbar mit den didaktischen Empfehlungen des Landesinstitus für Schulentwicklung Bremen, das mindestens eine Steigerung um 0,9 WPM pro Woche erwartet. Das wären im Jahr 46,8 WPM und auf vier Schuljahre gerechnet müssten auch hier die Schüler bei deutlich über 150 WPM am Ende der vierten Klasse liegen. Selbst, wenn man nur die Schulwochen rechnet (als würde in den Ferien nicht gelesen), käme man noch auf 136 WPM am Ende der vierten Klasse. (Hieraus könnte man ableiten, dass Familien, die zuhause in den Ferien normalerweise gar nicht lesen, besondere Anregung durch die Schule brauchen.) Hier also die vorgeschlagenen Verläufe:

 

 

„Erst Sprint, dann

langsame Steigerung“

„Langsame, aber

stetige Steigerung“

1. Klasse Winter

25

15

1. Klasse Frühling

40

25

2. Klasse Herbst

55

35

2. Klasse Winter

70

45

2. Klasse Frühling 85

 60

3. Klasse Herbst

100

75

3. Klasse Winter

110

90

3. Klasse Frühling

120

105

4. Klasse Herbst

130

120

4. Klasse Winter

140

130

4. Klasse Frühling / Sommer

150 / >150

140 / 150

 

Die obigen Verläufe beruhen auf mehreren Voraussetzungen:

1. Die Schwelle von 150 WPM sollte spätestens zum Wechsel auf die weiterführende Schule bzw. Sekundarstufe erreicht sein. Ganz banal nutzenbezogen hat das folgenden Grund: Spätestens ab diesem Zeitpunkt wird die Informationsentnahme aus Texten ohne Weiteres vorausgesetzt und gute Schulnoten sind ohne diese Fähigkeit nur schwer zu halten. Außerdem ist belegt, dass die Wahrscheinlichkeit auf eine intensive Leseförderung mit Besuch der weiterführenden Schule stark sinkt. Wer jetzt noch nicht gut genug liest, hat wenig Aussicht auf baldige entscheidende Verbesserungen. Aus Bildungssicht stellt dieses Lebensalter die letzte Chance dar, vor der Pubertät noch eine bis dahin vielleicht verschleppte literarische Erziehung und erste Lesebegeisterung zu etablieren. In späteren Jahren ist die ganze Welt der Kinderliteratur aufgrund verschobener Interessen für den Leser verloren; dabei stellt sie aber eine wesentliche Vorbereitung für die Entwicklung guter Lesegewohnheiten und vor allem literarischer Urteilsfähigkeit dar. Aus diesen Gründen sind 150 WPM das Mindestziel für das Ende der 4. Klasse.

2. Mit Beginn der 3. Klasse findet in der Regel ein Umbruch in den schulischen Erwartungen statt, und das zurecht. Ab jetzt wird das einigermaßen sichere Erlesen benötigt, um einen großen Teil der schulischen Anforderungen zu erfüllen, die zunehmend Texte involvieren und Sicherheit im schnellen Erlesen von Morphemen erfordern (äußerst hilfreich bei der Erarbeitung der Rechtschreibregeln: Wer ein Morphem nicht auf einen Blick lesen kann, kann nicht so leicht über seine Besonderheiten oder Funktionen im Wort sprechen.). Daher muss innerhalb der dritten Klasse zumindest die Schwelle der 100 WPM erreicht werden, denn etwa ab diesem Tempo kommen viele Kinder ohne das auditive Feedback ihrer eigenen Stimme aus. Das heißt im Klartext, ab diesem Tempo fühlen sich Kinder zunehmend sicher darin, still zu lesen, was für die Arbeit mit Texten im Klassenraum unerlässlich ist.

3. Die hier vorgeschlagenen Verläufe orientieren sich an schwächeren Schülern und stellen ein Mindestziel dar, nachdem Lehrkräfte und Eltern streben sollten. Dazu gehört natürlich, mehrmals im Jahr die Lesegeschwindigkeit der Schüler zu messen (wie das geht, steht hier). Auch Kinder mit suboptimalen Voraussetzungen können sich hieran orientieren, und Förderung bei einem Zurückbleiben hinter diesen Zielen kann verhindern, dass sich Leseschwierigkeiten festsetzen und zu einer ausgesprägten Leseschwäche entwickeln. –

4. Kinder mit einem großen Wortschatz, guten grammatikalischen Fertigkeiten und einer überdurchschnittlichen Intelligenz können deutlich höhere Ziele erreichen.

Beispiel A: ein Mädchen (Muttersprache Deutsch, großer Wortschatz, IQ stark überdurchschnittlich bis hochbegabt), Übung: täglich 15 Minuten lautes Lesen von November – April der 1. Klasse, anschließend täglich stilles Lesen von zunächst 30 Min. und mit zunehmender Freude regelmäßig auch mehrere Stunden. Verlauf:

  • April der 1. Klasse: als erste (fast) bilderlose Lektüre“Der fantastische Mr. Fox“ (Roald Dahl) – noch deutliche Lippenbewegungen und 70 – 80 WPM
  • Sommer vor 2. Klasse: noch stockendes lautes Vorlesen von „Oh wie schön ist Panama“ (Janosch) mit 113 WPM (dabei 3 Fehler pro Minute)
  • September – Beginn 2. Klasse: über 120 WPM
  • Ende 3. Klasse (Juli): 450 WPM

Beispiel B: Schwester des Mädchens, ähnliche Voraussetzungen, gleiche Übungsmenge:

  • April 1. Klasse: 27 WPM (Anlauttabelle im Unterricht!)
  • Mai 1. Klasse: 45 WPM
  • Juni 1. Klasse: 76 WPM
  • Juli 1. Klasse: 92 WPM
  • August (also Ende der 1. Klasse) nach Lektüre von „Das Wundermittel“ (Roald Dahl), „Stuart Little“ (E. B. White) und „Wir Kinder aus Bullerbü“ (Sammelband): still bis zu 182 WPM und laut 111-132 WPM.
  • Mitte der 2. Klasse: laut 160 WPM, still 248 WPM.

 

Wenn Eltern und Lehrer diese Ziele gemeinsam verfolgen, ist meines Erachtens ein wesentlich größerer Leseerfolg zu erreichen als in der verbreiteten aktuellen Herangehensweise, bei der man solche messbaren und eindeutigen Ziele am liebsten vermeidet. Kinder haben so die Motivation, ein klares „Trainigsziel“ zu erreichen, und Eltern können sich leichter bewusst machen, dass unter einer Geschwindigkeit von 80-100 WPM Lesen schlicht keinen Spaß macht, weswegen diese Schwelle möglichst zeitig mit Geduld und freundlicher Konsequenz überwunden werden muss.

 

Weiterlesen:

Alle Teile des Themenblocks „Lesegeschwindigkeit“ finden Sie, wenn Sie dieses Schlagwort im Suchfeld eingeben, oder über folgende Liste:

Teil 1: Warum sollte man 150 Wörter pro Minute lesen können?

Teil 2: Wie schnell sollte ein Kind in welchem Schuljahr lesen?

Teil 3: Flüssig lesen kommt von selbst – oder?

Teil 4: Was passiert ohne Leseförderung?

Teil 5: Wie misst man die Lesegeschwindigkeit (WPM) sinnvoll?

Teil 6: Was sagt ein Lesegeschwindigkeits-Test aus?

Teil 7: Warum liest mein Kind zu langsam?

Teil 8: Wie lesen Leseanfänger?

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