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Nach unserem Artikel über Beobachterfehler wurden wir um eine konkrete Beispiele und Tipps für bessere Berichte und Gutachten gebeten. Hier sind sie:

Eine diagnostisch verwertbare Verhaltensbeobachtung besteht schlicht und einfach aus beobachteten Verhaltensweisen. Der Beobachter konzentriert sich darauf, was zum Beispiel ein Kind in einer bestimmten Situation ganz konkret tut und wie möglicherweise andere auf das Verhalten reagieren. Anstelle der Verhaltensinterpretation „Marias Umgang mit der Schere ist durchaus geschickt“ könnte dort folgendes zu lesen sein:

„Nach dem Morgenkreis äußert Maria auf die Frage der Erzieherin, was sie heute machen möchte, den Wunsch, einen Stern zu basteln. Daraufhin holt die Erzieherin ein Blatt Papier, auf dem ein achtzackiger Stern mit einem Durchmesser von etwa 20 Zentimetern aufgezeichnet ist. Sie bittet Maria, sich inzwischen eine Kinderschere zu holen, was diese sofort tut. Die Erzieherin zeigt Maria, indem sie den ersten Zacken des Sterns komplett selbst ausschneidet, wie das genaue Ausschneiden entlang der aufgezeichneten Linie geht. Sie begleitet ihr Tun mit dem sprachlichen Hinweis: „Die linke Hand, die das Papier hält, bleibt beim Schneiden völlig ruhig. Mit der rechten wird der leicht geöffnete vordere Teil der Schere exakt am Strich ausgerichtet. Erst dann wird zugeschnitten.“ Maria nimmt Papier und Schere so in die Hand, wie die Erzieherin es ihr vorgemacht hat und befolgt auch alle anderen Hinweise exakt. Allerdings weicht sie beim Schneiden auf einer Strecke von etwa fünf Zentimetern zweimal von der vorgegebenen Linie um etwa zwei Millimeter ab. Sie merkt dies jedoch sofort und korrigiert ihr Schneiden zurück zur Linie. An der Ecke des Sterns angekommen schneidet sie etwa einen Zentimeter zu weit, erschrickt darüber, sagt halblaut „oh,  Mist“ und ruft die Erzieherin … .

Selbst wenn man Verhalten auf diese Art und Weise beobachtet und beschreibt, ist man nicht vor Beobachtungs- und Beurteilungsfehlern gefeit. Hüten Sie sich vor diesen fünf typischen Irrwegen:

1. Fehler der Güte und Milde oder Großzügigkeit

Der Beobachter empfindet Mitleid mit dem Untersuchten, der sich redlich bemüht und anstrengt, aber dennoch nicht den gewünschten Erfolg erzielt. Wer ein solches Versagen trotz großer Anstrengung miterlebt, neigt zu einer eher großzügigen Einschätzung und lässt gerne Milde walten nach dem Motto: „Naja, so schlecht war das Ganze ja nun auch wieder nicht“.  Ähnlich kann es einem Beobachter ergehen, wenn er den Eindruck gewinnt, dass die Anforderung „nun aber wirklich ausgesprochen schwer“ war.

2. Logischer Fehler

Häufig unterläuft dieser Fehler Menschen mit großer beruflicher Erfahrung. Heilpädagogen betreuen zum Beispiel über viele Jahre hinweg Menschen mit Autismus (Autismusspektrumstörung). Im Laufe dieser Zeit haben sie im Umgang mit ihnen eine eigene mehr oder weniger naive Theorie über autistische Menschen entwickelt. Sie kennen sie genau und wissen selbstverständlich, was deren Probleme und Besonderheiten sind, wie sie sich in bestimmten Situationen verhalten usw. Beobachten sie nun Menschen mit Autismus, besteht die Gefahr, dass sie ihre Beobachtungen und Beurteilungen gemäß der eigenen Logik, dem eigenen Bild über autistische Menschen verzerren oder auch gar nicht vorhandene Verhaltensweisen entsprechend ergänzen.

3. Fehler der zentralen Tendenz

Diesen Fehler findet sich nun eher bei Menschen mit wenig beruflicher Erfahrung. Sie kennen noch nicht das gesamte Verhaltensspektrum, die Spannweite des Möglichen und sind sich deshalb unsicher, wie extrem das beobachtete Verhalten einzuschätzen ist. Um keinen allzu groben Fehler zu begehen oder dem zu Beurteilenden nicht zu nahe zu treten, vermeiden sie extreme Beurteilungen und versammeln sich mit ihrer Bewertung eher um die Mitte.

4. Halo- oder Hofeffekt

Wenn der Mond einen Hof (engl. Halo) hat, strahlt er auf seine Umgebung aus. Ähnlich verhält es sich mit einer herausragenden, sofort ins Auge fallenden Eigenschaft eines Menschen, die andere, danach beobachtete Eigenschaften überstrahlt und deren Beobachtung und Bewertung verzerrt. Jemand, der sich verbal gut auszudrücken versteht, der sprachlich gewandt erscheint, wird schnell auch für besonders intelligent und klug gehalten. Ein Aufsatz, der angeblich von einem Journalistensohn geschrieben wurde, wird besser benotet, als wenn er von einem Jungen aus dem Arbeitermilieu stammt.

5. Unbewusste Verzerrungen

Weitere Fehler können dem Diagnostiker unterlaufen, wenn er seine Beobachtungen in einem Gutachten niederschreibt und interpretierend in Zusammenhang mit anderen diagnostischen Daten bringt. Wir neigen zum Beispiel dazu, räumliche und zeitliche Nähe kausal zu interpretieren. Ein Kind fällt in seinen schulischen Leistungen ab und zur gleichen Zeit läuft zuhause die Scheidung der Eltern. Was liegt näher, als die Scheidung der Eltern für den Leistungsabfall verantwortlich zu machen.

In Rahmen der Diagnostik hat sich ein Faktum oder ein Zusammenhang als sehr bedeutsam herausgestellt. Damit dies vom Leser des Gutachtens auf keinen Fall übersehen wird, greift der Gutachtenschreiber womöglich an dieser Stelle zu drastischeren Formulierungen und übertreibt ein wenig.

Manchmal liegen auch sich widersprechende Beobachtungen und Daten vor, die nicht so recht zusammenpassen wollen. Das ist vielen Verfassern unangenehm, man möchte lieber alles erklären können. Feilt man jedoch ein wenig an den Formulierungen, hier leicht abschwächend und dort etwas übertreibend, erscheint der Widerspruch schon nicht mehr so scharf.

 

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