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In pädagogischen Gutachten kann man häufig unter der Überschrift „Verhaltensbeobachtung“ lesen: „Florian arbeitet meist konzentriert und planvoll“, „Marias Umgang mit Stift und Schere ist durchaus geschickt“ oder „Dieter fällt es schwer, die eigenen Emotionen sozial angemessen zu steuern“. Bei genauer Betrachtung wird schnell klar: hier wird keineswegs beobachtetes Verhalten mitgeteilt, sondern Interpretationen des beobachteten Verhaltens. Der Beobachter hat bei Florian bestimmte Verhaltensweisen gesehen, die nach seiner Einschätzung planvoll und konzentriert sind. Das beobachtete konkrete Verhalten behält er jedoch für sich, während er seine subjektive Bewertung und Einschätzung als Verhaltensbeobachtung weitergibt.

Problem: Verhaltensinterpretation statt Verhaltensbeobachtung

Solche Pseudoverhaltensbeobachtungen können in der Diagnostik zu verheerenden Missverständnissen und Fehleinschätzungen führen. Nicht nur der Schreiber solcher Sätze hat eine subjektive Vorstellung von dem, was für ihn „meist konzentriert und planvoll“, „durchaus geschickt“ und „sozial angemessen“ ist, sondern auch der Leser. In der Regel stimmen diese subjektiven Vorstellungen nicht überein, sondern liegen mehr oder weniger weit auseinander. Was für den einen ziemlich chaotisch ist, wird vom anderen noch als durchaus planvoll angesehen. Das tatsächliche Verhalten wird also zweimal interpretiert: einmal beim Schreiben und ein weiteres Mal beim Lesen. So sieht der Leser nach dieser zweimaligen Interpretation Verhaltensweisen eines Kindes vor seinem geistigen Auge, die möglicherweise nur noch sehr wenig zu tun haben mit dem ursprünglich beobachteten Verhalten.

Hinzu kommen Pseudoquantifizierungen und Pseudospezifizierungen durch kleine Wörtchen wie meist, häufig, ziemlich, durchaus, eher, eigentlich, ständig, usw. Sie werden benutzt, um eine Aussage genauer, präziser zu machen, können dies jedoch nicht wirklich leisten, denn der Leser weiß nicht, was der Schreiber unter meist, eher, durchaus usw. versteht.

Trotz Quantifizierungsversuch bleibt unklar, wie oft das Verhalten aufgetreten ist, so dass der Beobachter den Eindruck gewonnen hat, es sei häufig oder eher selten. Trotz Präzisierungsversuch weiß niemand, durch welche besondere Verwendung von Schere oder Bleistift das Kind den Beobachter veranlasst hat, den Umgang damit nicht nur als geschickt, sondern als ziemlich geschickt zu bewerten.

Der vorschnellen Verhaltensinterpretation fehlen also eine Reihe diagnostisch relevanter Informationen: Wie hat sich jemand in einer konkreten Situation tatsächlich verhalten? Tritt dieses Verhalten nur in einer bestimmten Situation auf oder wurde es situationsübergreifend beobachtet? Wie häufig wird das Verhalten in diesen Situationen gezeigt? Immer oder nur unter bestimmten Bedingungen? Wodurch wird es möglicherweise ausgelöst und verstärkt?

Eine Verhaltensbeobachtung, die sich auf konkretes Verhalten in konkreten Situationen bezieht, enthält diese fehlenden Informationen und kann dann auch als Grundlage für eine bewertende Verhaltensinterpretation dienen. Wird konkretes Verhalten und die dazu gehörige Verhaltensinterpretation mitgeteilt, kann jeden Leser selbst entscheiden, ob er sich der vorgegebenen Interpretation des Verhaltens anschließt oder lieber bei seiner eigenen bleibt.

Praxistipp: Fügen Sie in Ihren Workflow für das Schreiben von Gutachten oder Zeugnissen ganz bewusst den Arbeitsschritt ein, Pseudobeobachtungen und Pseudospezifizierungen in Ihrem eigenen Text ausfindig zu machen. Ihre Gutachten und Stellungnahmen werden dadurch wesentlich hilfreicher und treffender.

Ursache: Wahrnehmung ist aktiv und interpretierend

Der Mensch kann mit neutralen oder nicht bewerteten Informationen nichts anfangen, sie sind für ihn unbrauchbar. Deshalb interpretieren wir schnell, automatisch und unbewusst jede unserer Wahrnehmungen. Wir müssen möglichst schnell herausfinden, ob das, was wir wahrnehmen bekannt ist oder unbekannt, gefährlich oder ungefährlich, sinnvoll oder sinnlos, angenehm oder unangenehm. Nur so sind wird in der Lage in komplexen, schwer überschaubaren Situationen schnell und angemessen zu reagieren. Diese im Moment der Wahrnehmung vorgenommene Wertung bedient sich vor allem des Kontextes als Bewertungshilfe. Wir konstruieren aktiv einen Sinnzusammenhang; eine wirklich neutrale und zugleich spontane Einordnung gibt es nicht. Auch die optischen Täuschungen zeigen, dass wir dieser spontanen Gestaltwahrnehmung fast hilflos ausgeliefert sind.

Bei der Müller-Leyer’schen Täuschung erscheinen die waagrechten Strecken verschieden lang, obwohl sie objektiv gleich sind. In Titschener`s Beispiel wirkt der von kleinen Kreisen umgebene Kreis größer als der objektiv gleichgroße, der jedoch von größeren Kreisen umgeben ist. Die Wahrnehmung unserer Welt ist also nicht objektiv verlässlich, sondern aus guten Gründen subjektiv interpretierend. Wir greifen aktiv auf unsere Welt zu und beurteilen das neu Wahrgenommene sofort im Sinne unserer bereits vorhandenen Kategorien und Maßstäbe. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass Zeugenaussagen über ein und denselben Unfall bisweilen so weit auseinandergehen, dass man sich fragt, ob die Zeugen wirklich denselben Unfall gesehen haben.

Diese Besonderheit der menschlichen Wahrnehmung sollte einem Diagnostiker, der eine Verhaltensbeobachtung durchführt, immer bewusst sein. Er kennt eine Reihe von Beobachtungsfehlern, die ihm deswegen unterlaufen können, aber auch eine Reihe von Maßnahmen, mit denen er die interpretierende Verzerrung seiner Beobachtung reduzieren kann. Davon demnächst mehr.

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