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Mit einer Anlauttabellen-App das Schreiben zu üben, ist genauso problematisch wie das Unterrichtskonzept „Lesen durch Schreiben“. Sie belohnt Kinder für falsche Schreibungen und richtet dadurch Verwirrung und Schaden an. Warum beides mit äußerster Vorsicht zu genießen ist, erklärt dieser Artikel.

Es gibt gute und schlechte Methoden, um lesen und schreiben zu lernen. Das ist altbekannt. Neu ist der Versuch, Kinder beim Schriftspracherwerb mit Apps zu unterstützen. Und logischerweise steht und fällt die Qualität der dazu verfügbaren Apps mit der Methode, auf der sie basieren. Denn „App“ ist keine Methode, nur ein Medium. Digitalisierung alleine bedeutet noch keinerlei Qualitätsgewinn – sie bietet neue Möglichkeiten, die aber didaktisch klug genutzt werden müssen.

Gerade Eltern fällt es ohne das nötige fachliche Hintergrundwissens schwer, die verfügbaren Apps zu bewerten. Einzelne Screenshots machen optisch einen guten Eindruck, die Bewertung mit 3,5 Sternen auch, also was kann es schaden? Einiges – denn eine unsachgemäße Lehr- und Lernmethode vermittelt Irrtümer statt Klarheit zu schaffen, vor allem, wenn sie regelmäßig eingesetzt wird. Und sie bleibt eben auch dann problematisch, wenn sie im neuen Gewand einer App daherkommt. Das möchten wir heute am Beispiel einer sehr beliebten Lese- und Schreib-App für Kinder in Vorschule und 1. Klasse zeigen.

Man muss dazu wissen, dass das Anlaut-Konzept einen Teilaspekt des Schriftspracherwerbs zwar zu Recht berücksichtigt, diesen aber so sehr in den Vordergrund stellt, dass es schädlich wird. Richtig ist, dass Kinder lernen müssen, welche Laute durch welche Buchstaben bzw. mehrbuchstabigen Schreibzeichen (EI, AU, SCH…) wiedergegeben werden. Anders als z.B. im Chinesischen schreiben wir in Europa durchaus lautorientiert, d.h. das Geschriebene sagt uns, wie man ein Wort auszusprechen hat. Wir können so selbst unbekannte Wörter richtig vorlesen. Eine Anlauttabelle ist ein Blatt mit Bildern von Dingen, die mit einem bestimmten Laut anfangen. Mit ihrer Hilfe geht man dann ein Wort Buchstabe für Buchstabe durch, benennt das dazugehörige Bild, trennt geistig dessen ersten Laut ab und schreibt ihn auf oder spricht ihn, um ein Wort zu erlesen. Wie das geht, sieht man hier. Insoweit kann man eine Anlauttabelle als putziges Hilfsmittel für engagierte Erstleser betrachten. Sie ist auch ganz praktisch für Erstklässler, um für einen Teil der Schreibzeichen selbständig nachschlagen zu können, wie man sie spricht (solange man noch nicht alle Buchstaben beherrscht). Zweifellos kann sie so bei guter Gestaltung den Unterschied zwischen Vokalen und Konsonanten verdeutlichen und dabei helfen, dass die Kinder zwischen den Namen der Buchstaben („em“, „en“ etc.) und dem fürs Lesen wichtigen Lautwert trennen. Sie ist im besten Falle eine Gedächtnisstütze, die an die verschiedenen Qualitäten der Laute erinnert und Schreibanfängern eine vollständige Übersicht der zu lernenden Schreibzeichen bietet. Aber sie ins Zentrum des Lesenlernens oder Schreibens zu stellen, anstatt sie durch rasche Automatisierung und frühes zügiges Lesen möglichst bald überflüssig zu machen, ist nicht vernünftig. Sie lässt nämlich ganz wesentliche Eigenschaften unserer Sprache außer Acht und vermittelt ein falsches Bild davon, wie unsere Sprache funktioniert. Man kann sie nicht für all die Wörter verwenden, bei denen

a) Laute vorkommen, die es nie am Wortanfang (Anlaut) gibt (z.B. das [ə] wie am Ende von Hase – der häufigste Laut unserer Sprache; das ebenfalls als  [ə] gesprochene -er wie in „Leder“, ebenfalls eine sehr häufige Endung im Deutschen; , oder das -ng, -nk, das vokalisierte r wie in „mir, dir“…)

b) bei denen eine einzige von mehreren passend klingenden, aber orthographisch falschen Schreibungen die richtige ist (z.B. durch Ableitung vom Wortstamm: „Mäuse“, nicht „Meuse“ oder „Moise“, aber „Eule“, nicht „Äule“; z.B. durch Dehnungs-h als lang markierte Vokale wie ah, eh, ih, ieh, oh, uh; z.B. aufgrund eines kurzen Vokals mit nur einem folgenden hörbaren Konsonanten verdoppelte Mitbaute wie bb, ff, ss etc., oder noch einmal komplexer deren Sonderformen ck für kk und tz für zz, uvm.).

Manche dieser Grapheme (mehrbuchstabige Schreibzeichen) kommen inzwischen tatsächlich in der „Anlauttabelle“ vor, obwohl sie nie im „Anlaut“, sondern nur in der Mitte oder am Ende von Wörtern auftauchen. Ein Kind kann aber ohne Rechtschreibwissen nicht entscheiden, ob es ck oder k schreiben muss. Wenn es dieses Rechtschreibwissen bereits erworben hat, hat es die Entwicklungsstufe längst überwunden, auf der eine Anlauttabelle einigermaßen sinnvoll anwendbar ist. Andere Rechtschreibphänomene wie die Auslautverhärtung sind gar nicht über die Tabelle lösbar, denn man muss schlicht wissen, dass bei den Konsonantenpaaren weicher und harter Laute (b – p, d – t, g -k) zwar am Wortende der harte Laut gesprochen wird, aber oftmals der weiche geschrieben (Man spricht also korrekt [hunt], schreibt aber Hund).  Von der Groß- und Kleinschreibung gar nicht zu reden.

Weil die allermeisten Wörter in unserer Sprache bis auf wenige Ausnahmen in diese Kategorien fallen, ist die Anlauttabelle vollkommen untauglich, um mehr als nur einen ganz kleinen Spezialwortschatz (wie Sofa, Oma, Los) mit ihr zu schreiben. Nicht einmal den Text einer normalen Ansichtskarte kann man mit ihr fehlerlos schreiben. (Alle fett gedruckten Stellen lassen sich mit der Anlauttabelle nicht sicher korrekt schreiben: „Lieber Martin, wir sind in einem schicken Hotel in Spanien. Meine Eltern schwimmen jeden Tag im Meer und ich esse mit meiner Schwester jeden Abend ein Eis. Viele Grüße, dein Christoph.“)

Und was das Lesen betrifft, stellen Verfechter der Anlauttabelle zwar die Selbständigkeit in den Vordergrund. Aufgrund der Schwächen in der Vokaldarstellung (s.u.) führt ihre Verwendung aber zu einem extremen Dehnlesen, bei dem der Abgleich über die phonologische Schleife stark erschwert ist (d.h. das Kind erkennt das Wort nicht wieder, weil es nicht so klingt wie gewohnt). Wie verzerrt und mühevoll dieses Lesen ist, zeigt unser Video in diesem Artikel, bei dem eine Erstklässlerin versucht, einfache Wörter wie „Leder“ mittels Anlauttabelle zu erlesen. Im Vergleich zu Methoden, die direkt an Silben und der Automatisierung von Wortbestandteilen ansetzen, ist diese Methode meiner Erfahrung nach wesentlich anstrengender und frustrationsanfälliger für Kinder und führt auch schlechter an das Verständnis unserer Sprache heran.

Wenn man diese Aspekte bedenkt, wird klar, warum die Methode auch als App problematisch bleibt. Unser Beispiel ist die App Zebra Schreibtabelle. Sie sollen Kinder laut Hersteller (Klett Verlag) zum Schreiben und Lesen verwenden. Sie basiert auf der Anlauttabelle aus der Zebra-Fibel und übernimmt damit alles, was an Anlauttabellen didaktisch problematisch ist. Der Mehrwert besteht lediglich in der technischen Funktionalität: Die Kinder können durch Anklicken der Buchstaben oder Bilder in der Anlauttabelle Wörter selbst zusammenstöpseln. Durch einen weiteren Klick, das ist der Clou, können sie sich das Geschriebene dann vorlesen lassen. Neben dem Aha-Effekt („superspannend“ laut Hersteller) soll das wohl zur Kontrolle des Geschriebenen dienen. Und genau das ist das Problem. Man sieht es sofort an folgendem Beispiel:

Der orthographisch völlig falsche Text „Drai MOisee UNT ain hUNT GHEeN schpAzIAN“ wird akustisch korrekt wiedergegeben und signalisiert damit gelungenes Schreiben.

Der vorgelesene Text hört sich richtig an, eine Fehlermeldung bleibt aus. Das schreibende Kind erhält die Rückmeldung: Dein Text ist so, wie er ist, in Ordnung, du hast völlig richtig geschrieben. Die App führt die Kinder in die Irre. Sie können nicht aus ihren Fehlern lernen, sondern ihnen wird durch die klanglich richtige Sprachausgabe eines falsch geschriebenen Wortes oder Textes ein motivierendes Erfolgserlebnis  für eine falsche Schreibung vermittelt – sie werden also in ihren Fehlern bestätigt, nicht korrigiert. Übt ein Kind regelmäßig mit dieser App, wird es aus lernpsychologischer Sicht für falsche Schreibungen belohnt und festigt diese durch Wiederholung, d.h. es schleift Fehler ein.

Das hat logischerweise mehrere schädliche Folgen:

  • Generell führt es zu einer schlechten Leistung im Rechtschreiben, die immer auch das Risiko für die Diagnose „Legasthenie“ vergrößert.
  • Die häufigsten Grapheme (Schreibzeichen aus einem oder mehreren Buchstaben) sollten eigentlich möglichst häufig gesehen und eingeschliffen werden. Das unterbleibt, sie werden bestenfalls zufällig verwendet, aber nicht systematisch gelernt.
  • Das Deutsche wird als eine weitgehend lautgetreue Sprache aufgefasst, was prinzipiell falsch ist und ein irriges Grundverständnis unserer Sprache aufbaut.

Der Hersteller erweckt in der Werbung auf der Produktseite der App  jedoch einen ganz anderen Eindruck. Er zeigt wohlweislich in seinem Demo-Video lediglich, wie ein Kind das lautgetreu Wort „Sofa“ schreibt. Durch diesen Trick werden die großen Schwächen der Methode verschleiert, die in der Praxis aber unweigerlich zu Tage treten. Es gibt kaum lautgetreue Wörter im Deutschen und somit auch kaum Wörter, die sich mit dieser Methode alleine richtig schreiben lassen.

Benutzt man alleine den Klang, nur die anfänglich hilfreiche Methode der Lautanalyse zur Schreibkontrolle, kann man gleichklingende Wortbausteine naturgemäß nicht unterscheiden. Genau das ist aber für die Rechtschreibung entscheidend, wie oben bereits erklärt. Man muss

  1. wählen zwischen gleich klingenden Wortbausteinen (z.B. Oper – Opa, Mäuse – Meuse – Moise, etc.) und
  2. nicht hörbare, aber für die richtige Schreibung wichtige Worbausteine dennoch hinschreiben (Blatt, See, Bahn etc.).

Aber nicht nur dieses fortgeschrittene Rechtschreibwissen wird durch die Methode der Anlauttabelle sabotiert. Selbst etwas ganz einfaches wie der Klang der langen und kurzen Vokale wird von dieser Anlauttabelle wie auch den meisten anderen (außer der „Lautrichtigen Schreibtabelle“ von Thomé) schlecht vermittelt:

  • Man kann jeden Buchstaben anklicken, um sich den dazugehörigen Laut anzuhören. Bei den Vokalen werden nur die langen Varianten ausgegeben. Viel häufiger sind aber die kurzen Klänge. Der allerhäufigste Laut im Deutschen ist z.B. das kurze „E“ als Schwa [ə] gesprochen, wie am Ende von Hase. Ebenfalls häufig ist das offene kurze „O“ wie in Koch [ɔ].
  • Die gezeichnete Anlautabelle versucht immerhin, einige kurze Vokale zu berücksichtigen, so ist beim O sowohl ein Osterhase als auch ein Ordner abgebildet. Das werden Kinder aber ohne direkte Instruktion ignorieren, da die Sprachausgabe der App nur die langen Laute benennt. Das Schwa kann gar nicht vorkommen, da es zwar der häufigste Laut im Deutschen ist, aber nie am Wortanfang vorkommt. Das tut nur das kurze [ɛ] wie am Anfang von Ente; dies findet sich wiederum nur als Abbildung, aber auch nicht in der Sprachausgabe.
  • Das lang gesprochene [] wird in etwa 80% der Fälle im Deutschen als IE geschrieben. Wie in den meisten Fibeln (übrigens als Wort eine der wenigen Ausnahmen mit langem [] ) wird als Abbildung aber unseligerweise der Igel gewählt. Dies suggeriert den Kindern, ein langes [] standardmäßig als i zu schreiben. Es wäre jedoch die viel bessere Heuristik, immer „ie“ zu schreiben, wenn man ein langes [] hört, denn damit läge man in 80% der Fälle richtig – mit dem Igel-i liegt man in 80% der Fälle falsch und hat entsprechend schlechtere Noten im Diktat.
  • Für das lange [] wird als Bild die Uhr gewählt, die ein Dehnungs-h enthält und auf einem vokalisierten r endet. Beides wird aber nirgends thematisiert. Es is also naheliegend, dass die Kinder mit dieser Tabelle nach dem üblichen Dehnsprechen statt „Uhr“ nur „Ua“ schreiben.

Noch vieles andere ist unsinnig an dieser (und anderen) Anlauttabellen. Da tauchen völlig zusammenhanglos als mehrbuchstabige Grapheme plötzlich ck und tz auf der zweiten Seite auf, die einen Sonderfall der Konsonantenverdopplung darstellen (statt kk und zz); das tz hört man aber bei rein lautorientiertem Vorgehen auch am Ende des Wortes „abends“. Den langen Diphthongen AU, EI und EU sind die kurz oder lang sprechbaren Zeichen Ö und Ü beigeordnet, das Ä hingegen findet sich allein auf der Rückseite. Das sind nur einige der Schwachpunkte, die nicht nur diese App, sondern jede Anlauttabelle in mehr oder weniger großem Maße aufweist.

Kurz: Man kann nur froh sein, dass die Methode „Lesen durch Schreiben“ von der aktuellen Bildungspolitik endlich geächtet wird. Eine App, die auf der gleichen Methode basiert und mit der Kinder alleine längere Zeit arbeiten, kann Kindern Fehler antrainieren, die sie erst mühevoll wieder loswerden müssen. Dass die „Zebra Schreibtabelle“ sogar als „Bestes Lernprogramm Deutsch für Kinder zwischen 6 und 10 Jahren“ ausgezeichnet wurde, ist mir völlig unverständlich. Wer eine hilfreiche App zum Lesen lernen sucht, ist momentan für die mit der App zu „IntraAct“ gut beraten; sie hat zwar Schwächen im Bezug auf Wortbausteine und trägt nichts zur Rechtschreibung bei, eignet sich aber besser als die Anlauttabelle zum Erlernen der grundlegenden Lesetechnik, auch für Analphabeten.

Was im Deutschen generell fehlt ist eine App, die gezielt an den Wortbausteinen ansetzt wie z.B. die französische App „edu syllabique“. Sie trainiert die Aussprache der verschiedenen Grapheme gezielt (im Französischen besonders wichtig). Das Schreiben wird in dieser App nicht auf Basis des Gehörs mit Anlautbildern, sondern durch Auswahl der richtigen mehrbuchstabigen Grapheme trainiert. Die Tradition der französischen Méthode Boscher ist in Deutschland völlig unbekannt, die französischen Kinder profitieren hier von einem halben Jahrhundert bewährter Methodik.

Zum Rechtschreiben gibt es meines Wissens bislang keine App, mit der man wirklich umfassend von Anfang an die deutsche Rechtschreibung lernen könnte. Das ist auch nicht erstaunlich, denn man kann nicht so leicht erwarten, dass sich der Stoff mehrerer Jahre Schulunterricht so einfach durch ein Programm ersetzen ließe. Für einzelne Übungsbereiche gibt es akzeptable Software, dazu später mehr.

Solange das so ist, ist eine fachlich kompetente, geduldige und begeisternde Lehrkraft und eine solide Vorbildung im Kindergarten das beste, was Kindern für den Schriftspracherwerb passieren kann.

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2 Kommentare

  1. Alexander Noé / 31. Juli 2018 at 22:38 /Antworten

    Ich schlage vor, von angehenden Deutschlehrern zu verlangen, Finnisch bis vielleicht Niveau A2 zu lernen. A2 reicht für diesen Zweck völlig aus. Dann würde auch keiner mehr behaupten, Deutsch sei eine lautgetreue Sprache, und keiner käme auf Ideen wie Schreiben nach Gehör in Deutsch.

    • Miriam Stiehler / 7. August 2018 at 18:51 /Antworten

      🙂 Ungarisch wäre auch eine gute Idee, da die Verschriftung dort umgekehrt sehr eindeutig ist, aber die Beschäftigung mit einer agglutinierenden Sprache einen neuen Aspekt ins Sprachverständnis bringt. Und Hebräisch sowieso, mehr dazu demnächst.

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