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Lernsoftware einzusetzen ist eine gute Antwort auf die immer heterogenere Schülerschaft in Grundschulen. So sehen das zumindest die Autoren Fleischhauer, Schledjewski und Grosche vom Institut für Bildungsforschung der Universität Wuppertal. Lernsoftware eigne sich besonders zur Förderung von klar umschriebenen Bereichen der Rechtschreibung (Anwenden von Rechtschreibregeln oder Üben von Lernwörtern) bei lernschwachen Schülern. Ein unschlagbarer Vorteil der digitalen Förderung liege darin, dass das Lernangebot qualitativ und quantitativ leicht und schnell an den individuellen Lernstand angepasst werden kann und dass die Schüler sofort Rückmeldungen und Erklärungen zu ihren Fehlern erhalten. (Für alle Ungeduldigen geht es über den folgenden Link direkt zum kostenlosen Download von unserer  Checkliste zur Bewertung von Lern-Apps).

Trotzdem setzen Lehrkräfte selten Software zur besseren Differenzierung im Unterricht ein. Hierfür lassen sich medienkritische, didaktische, organisatorische und inhaltliche Gründe ins Feld führen. Die Angst vor einer fehlenden Schüler-Lehrer-Interaktion und einem passiven Lernverhalten – beides beeinträchtigt den Lernerfolg – könne jedoch aufgrund vorliegender Studien als unbegründet gelten. Bedenken bezüglich des zu geringen Transfers des Gelernten oder des fehlenden Schreibens mit der Hand lassen sich ebenfalls unter Rückgriff auf vorhandene empirische Erkenntnisse entkräften. Das Gegenargument, es mangle an technischer Ausstattung, erweist sich als hartnäckiger. Hier kommen jedoch die sogenannten Apps auf mobilen Endgeräten ins Spiel. Smartphones oder Tablets wiegen wenig, sind leicht zu transportieren und damit ortsunabhängig einzusetzen und sind bei den meisten Grundschülern bereits vorhanden. Die Apps kosten kaum etwas.

Das inhaltliche Gegenargument, niemand wisse eigentlich etwas über die Güte und Brauchbarkeit dieser Apps, wiegt schwer und offenbart eine ernsthafte Wissenslücke. Sie soll durch die kürzlich durchgeführte und in der Fachzeitschrift „Lernen und Lernstörungen“ veröffentlichte Studie von Fleischhauer et al. geschlossen werden. Zu diesem Zweck entwickelten sie ein aus theorie- und evidenzbasierten Gütekriterien bestehendes Bewertungsraster und zwei doppelblinde Rater analysierten und bewerteten damit 15 derzeit verfügbare Apps anhand von Gütekriterien zur Rechtschreibförderung.

 

Aus der Berücksichtigung von Theorien zum Schriftspracherwerb ergeben sich Gütekriterien, die erfüllt sind, wenn:

  • nach alphabetischer und orthographischer Strategie differenziert wird,
  • die Wortlänge in Buchstaben oder Silben statistisch signifikant zunimmt,
  • die Auftretenshäufigkeit der Übungswörter statistisch signifikant steigt,
  • die Anzahl orthographischer Schwierigkeiten pro Morphem statistisch signifikant steigt.

 

Erkenntnisse zur Wirksamkeit von Lernmethoden bei lernschwachen Schülern führen zu Gütekriterien, die erfüllt sind, wenn:

  • eine Anpassung des Schwierigkeitsgrades der Aufgaben an den Leistungsstand des Kindes möglich ist,
  • die Lerneinheit in inhaltlich aufeinander aufbauende Teile gegliedert ist,
  • in den Schreibaufgaben ein korrigierendes oder erläuterndes Feedback gegeben wird,
  • der Lernende eine Aufgabe wiederholen kann.

 

Wird darauf geachtet, dass die kognitive Arbeitsbelastung des Lernenden durch lernirrelevante Aspekte der Aufgabengestaltung möglichst gering ist, sodass der Lernende seine geistigen Kapazitäten vor allem zum Lernen nutzen kann, ergeben sich Gütekriterien, die erfüllt sind, wenn

  • der Lernende zur Aufgabe eine Erläuterung erhält,
  • der Lernende vor der Bearbeitung der Aufgaben die Spielsteuerung üben kann,
  • wichtige Lerninhalte in den Schreibaufgaben visuell oder akustisch hervorgehoben werden,
  • Lösungshilfen vorhanden sind (z.B. Lösungsbeispiele),
  • der Grad der Unterstützung abnimmt,
  • affektive Komponenten wie emotionale Rückmeldungen verwendet werden,
  • ein pädagogischer Agent wenigstens in einzelnen Aufgabenteilen visuell vorhanden ist,
  • Informationen visuell und auditiv gegeben werden und sich sinnvoll ergänzen,
  • sich die Aufgabenauswahl zumindest teilweise vom Lernenden beeinflussen lässt.

 

Die Berücksichtigung motivationspsychologischer Theorien führt zu Gütekriterien, die erfüllt sind, wenn

  • Belohnungen für Leistungen im Spiel vorhanden und
  • inter- oder intraindividuelle Vergleichsmöglichkeiten im Spiel gegeben sind.

 

Unter Beachtung der für die Lehrkräfte gegebenen Differenzierungsmöglichkeiten ergeben sich weitere Gütekriterien, die erfüllt sind, wenn

  • Lehrkräfte eigene Inhalte ergänzen können, die der Lernende dann selbständig übt,
  • eine Lernstatistik erstellt wird, mit der die Leistungen eines Lernende nach der Aufgabenbearbeitung eingesehen und beurteilt werden können.

 

Die Ergebnisse der Studie fallen eher bescheiden und ernüchternd aus. Apps sind zwar – so die abschließende Bewertung der Autoren – grundsätzlich durchaus in der Lage, Lehrkräfte bei einer differenzierenden Rechtschreibförderung zu unterstützen und zu entlasten; der Großteil der aktuell verfügbaren jedoch nur mit deutlichen Einschränkungen. Die meisten der aufgestellten Gütekriterien erfüllt aus Sicht der Autoren die App „ABC der Tiere 1“. Alle anderen sind von sehr unterschiedlicher Qualität und der Nutzer ist gezwungen, vom Lernziel und Lernbedürfnis des Schülers ausgehend eine eigene Analyse und Bewertung vorzunehmen. Hierbei kann sich in einem Fall die eine und in einem anderen Fall eine ander App als hilfreich herausstellen.

Theoretisch fundierte und empirisch abgesicherte Gütekriterien führen zu einer gut nachvollziehbaren Bewertung der zur Zeit auf dem Markt befindlichen Apps zur Rechtschreibförderung. Sie hilft all denen, die sich im Dschungel der unzähligen neuen oder als neu ausgegebenen Fördermaterialien zurecht finden müssen und die sich bei der Auswahl nicht alleine auf ihren eigenen subjektiven Eindruck verlassen wollen. Wir haben deshalb die Gütekriterien aus der Studie um andere Aspekte erweitert und eine Checkliste zur Bewertung von Lern-Apps erstellt, die Sie über den Link kostenlos herunterladen können.

 

Wer die Details der Studie genauer betrachten will, kann hier nachlesen:

Fleischhauer, E., Schledjewski, J. u. M. Grosche (2017): Apps zur Förderung von Rechtschreibfähigkeiten im Grundschulalter. In: Lernen und Lernstörungen 6, H.4, S. 193-207

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