Im Stundenplan einer Grundschulklasse lesen wir: „Montag, 12.15 Uhr bis 13.00 Uhr: Inklusion“. Und zwar „für einzelne Kinder und nur nach Absprache mit den Eltern“, wie eine Fußnote erläutert. Es entbehrt nicht einer gewissen Komik und verweist auf ein, nunja, eigenwilliges Verständnis von Inklusion, dass in dieser Klasse während einer dreiviertel Stunde pro Woche mit einzelnen Kindern Inklusion stattfinden soll. Aber der Stundeplan wurde weder von der Einfalt diktiert noch trieb ein Humorist sein Unwesen. An dieser Stelle zeigt sich wie im Brennglas, wie die ideologische Forderung nach „Inklusion“ in die Praxis heruntergebrochen wird. Eine Wochenstunde Inklusion nach Absprache mit den Eltern – das kommt dabei heraus, wenn eine in einem Gesetzestext formulierte gesellschaftliche Leitidee zur pädagogischen „Theorie“ hochstilisiert wird und zu allem Übel auch noch als Handanweisung für die Gestaltung eines Bildungssystems dienen soll.

Die heftig angemahnte Umsetzung der mittlerweile weidlich bekannten UN-Konvention erzeugte eine aufgeregte, hoch emotionalisierte, polarisierende öffentliche Debatte. Ständig wurde auf die angebliche Rückständigkeit und Behindertenfeindlichkeit des deutschen Bildungssystems hingewiesen – wer lässt sich so etwas schon gerne sagen? Wer sich vorbehaltslos für Inklusion aussprach, zählte zu den Guten. Wer die inklusiven Ideen eher vernünftig betrachtete und an der einen oder anderen Stelle Kritisches anzumerken hatte, gehörte zu den bösen Behindertenfeinden. Letztlich gehorchten Schulpolitik und -verwaltung eilfertig und gedankenlos dem Mainstream, ordneten Inklusion von oben herab an und forderten eine flugse Umsetzung in die schulische Praxis.

Was machen nun der „kleine Mann“ und die „kleine Frau“ an der pädagogischen Basis in ihrer Not? Schule und Unterricht müssen der lautstark in der Öffentlichkeit vorgetragenen Forderung nach Inklusion irgendwie und vor allem schnell genügen. Es kann aber niemand sagen, was unter Inklusion genau zu verstehen ist und wie inklusive Schule mit inklusivem Unterricht im Einzelnen geht. Die geistigen Höhenflüge von Vertretern einer angeblich inklusiven Didaktik und Pädagogik ventilieren die immer gleichen hehren grundlegenden Gedanken und kommen über Allgemeinplätze nicht hinaus. Dies hilft den Lehrkräften in ihrem Arbeitsalltag auch nicht wirklich weiter.

Die praktische Klugheit empfiehlt in einer solchen Situation, erst einmal wenigstens die Aushängeschilder auszuwechseln: Auf der Homepage, in Texten zum Leitbild und den pädagogischen Maximen der Schule und selbstverständlich auch in Stundenplänen werden – wo immer es geht – die Wörter „Inklusion“ und „inklusiv“ eingeflochten. So nimmt man den fanatischen Inklusionisten zunächst einmal den Wind aus den Segeln, zählt offensichtlich nicht mehr zu den ewig Gestrigen und Bösen, sondern ist im Gegenteil bei den Guten „vorne dabei“. Und – was das wichtigste ist: Man hat sich elegant vor übereilten, unüberlegten Veränderungen in Sicherheit gebracht; zumindest für eine gewisse Zeit, während der man über alles Weitere nachdenken und beratschlagen kann.

Nun lassen sich aber auch durch intensivstes inklusives Nachdenken die bisherigen exklusiven oder höchstens integrativen wissenschaftlichen Erkenntnisse aus Pädagogik, Didaktik, Psychologie und Soziologie nicht einfach ignorieren oder beiseite schieben und schon gar nicht die entsprechenden Erfahrungen aus der täglichen Praxis. Ergo: Es bleibt erst einmal alles beim Alten, bis eben auf die Namensschilder:

– Förderdiagnostische Konzepte und Methoden firmieren unter „inklusiver Diagnostik“,

– didaktischen Modelle zum gemeinsamen Unterricht heißen „inklusive Didaktik“,

– Unterricht, in dem Kinder mit und ohne Behinderungen lernen, ist nicht mehr wie bisher integrativ, sondern schlicht und ergreifend „inklusiv“.

Ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt.

 

P.S. Mich als Angehörigen der sonderpädagogischen Nachbar- oder Hilfsdisziplin Psychologie beruhigt doch sehr, dass der inklusive radikale Erneuerungseifer offenbar vor der Psychologie Halt macht und sie das bleiben darf, was sie immer schon war.  Sie muss im Gegensatz zur Pädagogik und Didaktik nicht inklusiv umgeschrieben oder wie manche vollmundig fordern gar „neu gedacht“ werden. Ja, sie muss nicht einmal zur Tarnung ein verbalakrobatisch gestricktes inklusives Mäntelchen umlegen, um vor dem strengen vernichtenden Blick und dem erbarmungslosen Urteil der Inklusionsvertreter weiter bestehen zu können.

Mehr zum Thema Inklusion finden Sie unter dem selbigen Schlagwort und besonders in unserer aktuellen Videoreihe mit Prof. em. Walter Straßmeier