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Mit dem angeblichen Paradigmenwechsel in der Sonderpädagogik Ende der 90iger Jahre wurde auch ein diagnostischer Blickwechsel gefordert, der weniger die Schwächen oder Momente des Nicht-Könnens, sondern vielmehr die Stärken eines Kindes sucht und bei der Gestaltung von Lehr- und Förderangeboten an eben diesen Stärken und damit am Können ansetzt. Angemahnt wird ein radikales Umdenken gegenüber der traditionellen defizitorientierten sonderpädagogischen Diagnostik mit ihren Zuschreibungen und Platzierungen. „Vom Defizitkatalog zum Kompetenzinventar” oder „Von den Stärken ausgehen“ lauteten die Titel einschlägiger Veröffentlichungen.

 
Die Diskussion darüber, ob in der Sonderpädagogik tatsächlich ein solcher Paradigmenwechsel vorliegt oder nicht, soll an dieser Stelle nicht geführt werden, da sie für den weiteren Gedankengang bedeutungslos ist. Der Verweis soll ausreichen, dass Autoren nach gründlicher Diskussion berechtigte Zweifel an der Existenz eines Paradigmenwechsels in der Sonderpädagogik hegen.
Zunächst ist festzustellen, dass Stärken und Schwächen genauso wie Kompetenzen und Defizite relationale Begriffe sind, die nicht ohne einen Bezugspunkt, eine Norm zu denken sind. Stärken und Schwächen ergeben sich im Rahmen der Förderdiagnostik, indem kindliches Verhalten in Beziehung gesetzt wird zu intraindividuellen und lehrzielorientierten Normen. Erbrachte Leistungen werden über den Vergleich mit Normen als durchschnittlich, überdurchschnittlich, unterdurchschnittlich oder als altersgemäß und nicht altersgemäß bewertet. Neben dem Bezug zu einer Norm brauchen die Begriffe Stärke und Schwäche auch sich selbst als Bezugspunkt, denn Stärke lässt sich nur im Zusammenhang mit Schwäche denken und Schwächen werden nur sichtbar, wenn Stärken vorhanden sind. Deshalb sind diagnostisch relevante Fragen immer Zwillingsfragen, die gleichzeitig nach dem fragen, was das Kind weiß und was es nicht weiß, was es richtig macht und was falsch. Der diagnostische Blick fällt zwangsläufig gleichzeitig sowohl auf Stärken als auch auf Schwächen und deckt das Können und Nicht-Können gleichermaßen auf.

 
Neuropsychologische Erkenntnisse legen nahe, dass das Empfinden von Lust und Unlust nur möglich ist, wenn unser relational-dynamisches Lust-Unlust-System im Gehirn ausbalanciert ist, wenn sich das Erleben von Stress, mühevoller Anstrengung und Misserfolg regelmäßig abwechselt mit Erfolgserlebnissen, die Freude, Stolz und Entspannung mit sich bringen. Diese Erkenntnis teilt ein schöner durch einen Zaubertrank herauf beschwörter Knabe dem Schatzsucher im gleichnamigen Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe als Lebensweisheit mit: „Tages Arbeit, Abends Gäste! Saure Wochen, Frohe Feste! Sei dein künftig Zauberwort.“ Dysregulationen in diesem ausbalancierten System können entstehen, wenn durch anhaltende Misserfolge der Unlust-Schenkel des „Waagebalkensystems“ ein zu lange andauerndes Übergewicht erhält oder auch wenn Erfolgserlebnisse als Dauerzustand mangels vorhandener Herausforderungen nicht mehr mit Lust und Freude verbunden werden. Wo Anstrengungen zum Überwinden von Nicht-Können fehlen, gibt es keine echten Erfolgserlebnisse mehr und die notwendige Dynamik in der Lust-Unlust-Regulation kann sich nicht entwickeln: es entsteht Langeweile.

 
Für Didaktiker stellt sich immer die bedeutsame Frage, wie denn Interesse oder Lernmotivation entsteht. Die Antwort lautet, dass der Lehrer, um beim Schüler einen Lernprozess in Gang zu setzen, diesem zeigen muss, was er innerhalb seines Wissens und Könnens eben noch nicht weiß und noch nicht kann. Der erste didaktische Schritt beim Lehren und Fördern besteht somit im gleichzeitigen Aufdecken von Können und Nicht-Können beim Kind.

 
Persönlichkeitstheorien vor allem aus dem Bereich der humanistischen Psychologie verweisen darauf, dass psychische Gesundheit oder psychische Anpassung im Gegensatz zu psychischer Fehlanpassung dadurch gekennzeichnet ist, dass als Stärken und als Schwächen bewertete Persönlichkeitsanteile in gleicher Weise wahrgenommen und ins Selbstkonzept integriert sind. Jeder kann sich leicht vorstellen, wie „ungesund“ es ist, ständig die eigenen Schwächen vor sich und anderen verbergen zu müssen und wie anstrengend das ausschließliche Präsentieren von Stärken ist. Ein Kind, das ständig gelobt wird, das sich einseitig nur als stark und kompetent erlebt, entwickelt zwangsläufig ein unrealistisches Bild von sich selbst.
Der Aufruf, von den Stärken auszugehen, kann somit aus verschiedenen Perspektiven betrachtet auf keinen Fall als Hinweis verstanden werden, förderdiagnostisch nur oder vor allem nach den Stärken der Kinder zu suchen und ihre Schwächen zu ignorieren, oder gar deren Schwächen in Stärken umzudeuten. Nur unter gleichzeitiger Berücksichtigung von Stärken und Schwächen, Können und Nicht-Können ist eine hilfreiche und dem Leistungs- und Lernvermögen eines Kindes angemessene Förderung möglich.

 

Mit dem Hinweis, an den Stärken anzusetzen, könnte jedoch durchaus eine bedeutsame Förderstrategie ins Blickfeld rücken, die mit dem Begriff  der Kompensation umschrieben wird. Schwächen werden ausgeglichen, indem man vorhandene Stärken berücksichtigt oder benutzt. Für die Förderdiagnostik bedeutet dies, dass der Diagnostiker im Fall des Nicht-Lösen-Könnens einer Aufgabe mit dem entsprechenden Kind nach Bedingungen sucht, unter denen die gestellte Aufgabe trotz der offensichtlich vorliegenden Schwäche bewältigt werden kann.
In der Förderdiagnostik kann es nicht darum gehen, grundsätzlich  aufzuzeigen, dass ein Kind über Kompetenzen verfügt, was selbstverständlich immer der Fall ist. Entscheidend ist, ob diejenigen Kompetenzen vorhanden sind, die zur Bewältigung der momentanen Lern- und Lebenssituation erforderlich sind.

Weiterführende Literatur:

Breitenbach, Erwin (2014): Psychologie in der Heil- und Sonderpädagogik. Stuttgart: Kohlhammer

Eggert, Dietrich (1997): Von den Stärken ausgehen … Individuelle Entwicklungspläne in der Lernförderungsdiagnostik. 2. Aufl. Dortmund: Borgmann Publishing

Hillenbrand, Clemens (1999): Paradigmenwechsel in der Sonderpädagogik. Eine wissenschaftstheoretische Kritik. In: Zeitschrift für Heilpädagogik, 50, S. 240–246

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