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Ist es ein Bastelkränzchen oder eine Gruppe für Unterrichtsvorbereitung? Man weiß es oft nicht, wenn Lehrerinnen auf Facebook stolz die Ergebnisse ihrer Mühen präsentieren. Es ist erschreckend, wie viele Lehrer bei der Frage nach einer tollen Idee für den Unterricht hauptsächlich an Spielchen, Äußerlichkeiten und Material basteln, Material downloaden und Material kopieren denken. Diese Hilfsmittel sollen wie von Zauberhand aus einer beliebigen Stunde guten Unterricht machen. Nicht die didaktisch und logisch optimale Aufbereitung des Themas steht im Vordergrund, sondern die hübsche Gestaltung oder der Spielwert des „Materials“. Das glauben Sie nicht? Dann lesen Sie den folgenden, wirklich ziemlich repräsentativen Strang von Posts aus einer Lehrergruppe auf Facebook:

 

 

Was sollen die Schüler in dieser Stunde lernen – etwas über das R, also wie man das große und kleine R schreibt, welche Klänge mit diesem Graphem wiedergegeben werden, welche Rechtschreibregeln im Zusammenhang mit dem R gelten? Oder sollen sie lernen, ein Bild zu malen, auszuschneiden, mit Rasierschaum herumzuschmieren (platter Sensualismus, aber das ist ein anderes Thema)? Das dauert leicht 20-30 Minuten, wenn jeder drankommen soll, und danach ist die Lehrkraft im „jetzt-ist-die-Stunde-eh-schon-fast-um“-Modus und die Aufmerksamkeit vieler Schüler verbraucht. Es ist außerdem eine Deutschstunde, keine Sportstunde und nicht Werken. Aber das macht nichts, ist ja alles irgendwie „fächerübergreifend“…

Anscheinend sind zahlreiche, besonders jüngere Lehrkräfte unfähig zu didaktisch fundierter Unterrichtsvorbereitung, betrachten sich aber dennoch als fleißige und gute Lehrerinnen. Fleißig sind sie ja auch, da sie Stunde um Stunde für Bastelarbeiten und Materialsuche aufwenden und stolz in ähnlichen Gruppen ihre Einfälle und Werkstücke präsentieren. Fragt man auf Fortbildungen oder an der Universität, wer die Grundformen des Lehrens nach Aebli nennen kann oder zumindest weiß, wer Hans Aebli war, blickt man in verständnislose Gesichter. Wie man „Material“ in die dropbox hochlädt, wissen die Teilnehmer hingegen garantiert, und dass sie dabei regelmäßig das Copyright missachten, halten sie für harmlos.

Harmlos ist jedoch diese ganze Entwicklung nicht. Die Verflachung der Didaktik führt zwangsläufig zu schlechtem Unterricht, zu viel verschwendeter Zeit und schlechten Gewohnheiten auf Seiten von Schülern und Lehrern. Kurz: Die Schüler lernen viel weniger, als sie lernen könnten, und statt Liebe zum Fach findet man bei ihnen bestenfalls Lust auf die effektvolle Darbietung – genau wie bei der Lehrkraft, die auf solche Weise arbeitet. Höchste Zeit, sich mit den Gründen, Ursachen und Folgen dieses Problems zu beschäftigen, denn meines Erachtens ist es ein ganz wesentlicher Teil der immer schlechter werdenden Bildung deutscher Schüler.

Gründe für die Materialschlacht – mangelndes Können, mangelnde Leidenschaft

Wer sein Fach liebt – und beherrscht -, ist unzufrieden mit Material, bei dem mehr Mühe auf die Optik als auf die didaktische Struktur verwendet wurde. Hans Aebli (der übrigens bei Jean Piaget promovierte) hat richtig erkannt: Ein gutes Übungsmaterial macht die unsichtbare Operation, und damit das zu Lernende sichtbar. Alles, was davon ablenkt, ist „Schnick-Schnack“. Viele einkleidende, angeblich motivierende Geschichten oder graphisch gestylte Arbeitsblätter können gerade schwache Schüler auf die falsche Fährte setzen. Alle „Anschaungs-„Mittel, die gedankenlos und ohne Not Lerninhalte mit allen Sinnen erfahrbar machen, schaden mehr als sie nützen. Sie haben nichts im Unterricht verloren. Gute Mittel zur Darstellung sind immer reduziert, so wenig wie nötig und wie möglich ist das Motto. Schließlich geht es doch darum, jede Unterrichtsstunde für das größtmögliche Maß an Erkenntnis und Übung zu nutzen. Da verliert der Rasierschaum und das Kneten sofort gegenüber dem Schreiben, die bebilderte Geschichte vom Bauern, seinem Acker und dessen Umfang bzw. Fläche gegen die Arbeit mit einem Pappwinkel und Karopapier. Langweilig? Nein! Denn wer das Thema beherrscht, hat etwas zu sagen und kann andere dafür begeistern. Eine probate Lehrmethode ist hier oft der viel geschmähte Frontalunterricht. Noch langweiliger? Nein! Frontal ist nur langweilig, wenn man es nicht kann. Guter Unterricht – frontal oder anders – lebt von der Liebe zum Fach und von didaktischer sowie fachwissenschaftlicher Sachkenntnis.

  • Fehlende Liebe zum Fach bedeutet, man hat nichts zu sagen. Man hat keine Leidenschaft für das Thema, man ist nicht begeistert von der Schönheit und dem Wissen darin, man hat keinen Drang, etwas davon weiterzugeben. Auf diese Weise lässt sich niemand für etwas begeistern oder davon überzeugen, dass sich Lernen lohnt. Wem am Thema etwas liegt, der  sucht eher von sich aus die didaktisch optimale Form, und das ist meist nur die, die zum dem selbst vollzogenen Prozess der didaktischen Analyse, zu den eigenen Erkenntnissen über das Thema passt. Es kann manchmal empfehlenswert sein, ein Material  von jemand anderem zu übernehmen, der didaktische Aspekte bedacht hat, die man selbst übersehen hätte. Auch dann wird man jedenfalls die verfügbaren Materialien sehr kritisch und auf ihre didaktische Angemessenheit hin beurteilen und nicht danach gehen, ob etwas „lustig“, „putzig“, „bunt“ oder sonstwie aufgemotzt daher kommt. Wenn bei einem Material sachliche Angemessenheit, Schönheit und Humor zusammenkommen, wunderbar. Aber ohne diese Angemessenheit nützt die netteste Gestaltung nichts, und die Gestaltung muss ihr dienen, nicht über sie hinausgehen und zum Selbstzweck werden.
  • Fehlende Sachkenntnis: Wenn man den Stoff fachlich selbst nicht ausreichend beherrscht, hat man ebenfalls den Schülern nichts zu bieten, nichts zu sagen. „Beherrsche dein Thema, dann beherrscht du deine Rede“ ist eine alte, aber wahre Einsicht. – Wer die gründliche Analyse des Stoffs umgangen hat, weil sie altmodisch erscheint,  ist nicht in der Lage, etwa ein Tafelbild oder selbst konzipierte Erarbeitung und Übung zu gestalten, die in ihrer logischen Struktur der jeweiligen Operation angemessen ist. Man hat das Thema nicht von allen Seiten durchdacht, man gerät schnell ins Schlingern, wenn beispielsweise fachkundige Eltern kritsich nachfragen. Aufgrund mangelhafter Sachkompetenz sind die gestellten Aufgaben teils unlogisch, teils irreführend, und die Fehleranalyse ist erschwert, da die möglichen Missverständnisse nicht mitgedacht wurden. Die Wahl des Lernmaterials gehorcht eher sachfremden Kriterien, s.o.

Was sind die Ursachen für mangelnde Sachkenntnis und Leidenschaft?

  • Geringschätzung der vermeintlich zu „theoretischen“ Didaktik. Prof. Erwin Breitenbach meint dazu aus Universitätsperspektive: „Das betrifft besonders die universitäre Lehrerausbildung in den Fachdidaktiken. Dort wird der fachwissenschaftliche Teil mehr und mehr reduziert, weil angeblich unnötig, und der praktisch-didaktische verstärkt. In den meist von erfahrenen Lehrkräften durchgeführten Didaktikseminaren werden dann ganz konkrete Unterrichtsbeispiele
    vorgeführt, Arbeitsblätter gestaltet, motivierende Themeneinstiege erdacht usw. Die Studierenden sind begeistert und sehr zufrieden mit diesen Veranstaltungen. Endlich erfahren sie, „wie es geht“. Wenn sich das Studium der Didaktik darauf beschränkt, ist in der Folge das obige Beispiel aus entsprechenden Facebookgruppen nicht weiter verwunderlich.“
  • Hybris des modernen Zeitalters: Man vergisst heute gern, dass wir auf den Schultern von Riesen stehen und dass es einen großen Wert hat, die Gedanken größerer Geister überhaupt nur nachzuvollziehen. Erstrebenswert scheint nur die eigene Idee, weil sie die eigene ist. Auch wenn diese Eigenleistungen am Ende, da ohne Fundament und Vorbildung, doch sehr kläglich ausfallen. Hans Aebli schilderte das bereits vor über 50 Jahren sehr treffend in seiner Dissertation. Die vermeintlich demokratische Auffassung, jede Idee sei gleich wertvoll, verhindert Respekt vor fachlicher Autorität und Freude an den Erkenntnissen von Menschen, die tiefer gedacht haben als wir selbst. Ergebnis? Siehe BER, 22jährige Studenten in Mamas Begleitung und Abituraufgaben auf Realschulniveau.

Welche sichtbaren Folgen hat der Wahn vom Zaubermaterial im Unterricht?

  • Arbeitsblätter anstelle von Heften: Die Folgen davon wiederum sind
    • psychomotorische Mängel, schlechte Handschrift durch eine viel zu geringe Schreib- und damit Trainingsmenge
    • Gewöhnung der Schüler an schlampiges Arbeiten und mangelnde Fähigkeit zur Arbeitseinteilung
    • Unkonzentriertheit: Wer jahrelang jeden Tag auf eine leere Seite einen Fließtext in schöner Form schreibt, erwirbt dabei eine viel größere Konzentrationsausdauer als jemand, der an den meisten Tagen nur Lücken ausfüllt oder einzelne Wörter, selten einmal Sätze schreibt. Außerdem sind die meisten Arbeitsblätter mit überflüssigen Illustrationen verunstaltet, die zusätzlich noch vom Wesentlichen ablenken.
    • Werkfreude entsteht nicht: Arbeitsblätter sind schon von anderen mehr oder weniger professionell gestaltet, leere Heftseiten hingegen reizen zum selbst gestalten. Um zu illustrieren, wie schön ein leeres Heft gestaltet werden kann, hier ein Beispiel von 1962, nach drei Monaten Schule (Vorweihnachtszeit erste Klasse) (ausführlicher Artikel zum Thema hier)

  • Unselbständigkeit: Arbeitsblätter gängeln Kinder und hindern sie daran, Platz selbst einzuteilen, Stoff selbst zu strukturieren etc.
  • Logische Strukturen werden schlechter durchschaut, weil die Grapheme, Ziffern und mathematischen Ausdrücke, die logische Strukturen darstellen, schon vorgegeben sind und wiederum nur Lücken gefüllt werden müssen. Wer eine Rechnung in vielen Formen schreibt und selbst Aufgaben mit Leerstellen erfindet (3 + 5 = 8, 8 = 5 + 3, 8 = 3 + 5, 3 + ? = 8…), läuft z.B. viel weniger Gefahr, das = als „dahinter muss das Ergebnis stehen“ aufzufassen.

 

  • Verkümmerte Heftführung, wo noch vorhanden: Es wird in Hefte geschrieben, aber die Eltern werden mit den absurdesten Lineaturwünschen gequält, weil die Kinder nicht mehr in der Lage sind, Abstände einzuhalten. In diese Hefte werden dann meist sowieso wieder Arbeitsblätter eingeklebt. Wird etwas geschrieben, sind die Schüler nicht in der Lage, einen Seitenkopf ordentlich zu gestalten (Datum rechts oben, eine Zeile frei, Überschrift mittig in Schreibschrift, zwei Zeilen frei etc.). Sie können das Geschriebene kaum systematisch platzieren (z.B. in Rechenheften immer vier Kästchen waagerecht zwischen zwei Aufgaben freilassen). Bei Übungsaufsätzen, die zweizeilig geschrieben werden sollen, um mehr Platz für Korrekturen zu lassen, markieren teils die Lehrkräfte persönlich jede zweite Zeile mit einem Bleistift-x, damit die Schüler wenigstens halbwegs daran denken, diese markierten Zeilen freizulassen. Und warum kam das so? Weil das Schreiben in Hefte ein didaktisch durchdachtes Tafelbild voraussetzt, und dieses wiederum eine klare Vorstellung von der angestrebten didaktischen Struktur auf Seiten der Lehrerinnen, oder weil es Schreibanlässe wie zum Beispiel ein Diktat voraussetzt, das selbst in sinnvollen Formen kaum noch verwendet wird.

 

  • Medienüberflutung in Freizeit und Schule: An den „Lerntheken“ und in gestalterischen „Classroom-Themes“ finden die Kinder keine ordnende Ruhe vor, sondern hier herrschen wie in der von Erwachsenen für Kinder gestalteten Freizeit Ablenkung und Reizüberflutung. Buchstaben werden nicht einfach mit höchstem Übungseffekt eine halbe Seite lang geschrieben, sondern sie werden in Sand gemalt, auf Filz gefühlt, gerochen, geknetet, in Karteien mit Folienstiften nachgefahren, mit riechenden Dingen auf Schablonen gelegt, getanzt, geklebt uvm. Dann wird bunter Sand als Bewertung der Gruppenarbeit in Gläser verteilt, Smileys geklebt, Kreuzchen gemacht. Hinterher…
    • beherrschen die Kinder die Buchstaben viel schlechter, als wenn sie sie in der gleichen Zeit ein ums andere Mal ins Heft geschrieben hätten.
    • sind die Schüler in ihrer kurzen und wechselhaften Aufmerksamkeitsspanne verstärkt und bestätigt worden. Sie mussten andauernd aufstehen, den Platz wechseln, die Konzentration unterbrechen, um ohne Not die Arbeitsform zu wechseln.
    • haben die Kinder wieder einmal gelernt, dass auch die Lehrkraft sich gerne vor dem langweiligen Üben drückt.

Zugleich gehen all diese Methoden mit einer großen Zeitverschwendung einher. Ähnlich dem ärztlichen Eid des Hippokrates sollten Lehrer die Selbstverpflichtung eingehen, die Zeit ihrer Schüler zu respektieren und auszukaufen. Dazu gehört es, nicht 20 Minuten auf einen spielerischen Unterrichtseinstieg zu verschwenden, der das Thema nur minimal weiterbringt. Um beim obigen Beispiel zu bleiben: Das R besteht aus einem Strich nach unten, einem Bogen in der oberen Hälfte und einem schrägen Strich in der unteren. Das ist in einer Minute erklärt, denn der Begriff „Hälfte“ und die Fähigkeit, senkrechte, schräge und gebogene Linien zu zeichnen, müssen zu diesem Zeitpunkt schon erarbeitet sein. Für die „Einführung“ dieses Buchstabens braucht es kein Rollerrennen, keine Raketen und keinen Rasierschaum, sondern die Fähigkeit der Kinder, senkrechte Striche, Bögen und schräge Striche zu schreiben, einen Stift und ein liniertes Blatt Papier – und eine Lehrkraft, die weiß, dass nicht alles etwas besonders „Tolles“ sein muss, weil das Lernen von Schrift mit einer begeisterten Lehrkraft, die Sprache liebt, auch ein Geschenk ist. Die übrige Zeit verwendet man lieber, um die Kinder tatsächlich Wörter mit den verschiedenen R-Klängen finden bzw. ordnen zu lassen. Zur Zeitverschwendung haben wir kein Recht, wir schulden es den Kindern, aus jeder Unterrichtseinheit das Beste für sie herauszuholen.

Langfristig leistet schlechte Didaktik der Medikalisierung Vorschub, also der zunehmenden Einordnung von Kindern als „gestört“ oder krank. Denn wenn Lehrkräfte denken, sie hätten effektiv unterrichtet, aber zugleich bemerken, dass die Kinder am Ende weniger können als Schüler vor 40 Jahren, dann bleibt als Erklärung, es müsse wohl an den Kindern liegen. Ein Irrtum, wenn der schlechtere Unterricht (und in der Folge verschlechtertes häusliches Üben) eine Ursache von Lernrückständen ist. Auch so, nicht nur durch mehr diagnostische Möglichkeiten, kann man sich nämlich den Anstieg der Menge angeblich therapiebedürftiger Schüler erklären.

 

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9 Kommentare

  1. Herrn Emrich / 15. Dezember 2017 at 14:30 /Antworten

    Vielen Dank für den tollen Artikel, der vieles auf den Punkt bringt, was mich seit einigen Jahren inzwischen aufregt. Habe dazu auch schon ein ums andere Mal gebloggt und war immer erstaunt, wie viele zustimmenden Stimmen man erhält. Leider ändert sich dazu aber nicht viel am Materialoutput der vielen GrundschulbloggerInnen, GrundschulinstagrammerInnen und Co.
    Zuletzt las ich tatsächlich den Vorschlag, man könne doch die Buchstaben der Woche aus einer Trockenmischung Buchstabensuppe heraussuchen. Was soll man dazu noch sagen?

    Viele Grüße aus dem Rheinland!

    • Miriam Stiehler / 18. Dezember 2017 at 10:56 /Antworten

      Lieber Herr Emrich,

      herzlichen Dank für Ihre Unterstützung! Was ist denn Ihr Eindruck; wie repräsentativ ist das Bild, das Lehrkräfte vom Grundschulalltag auf Facebook zeichnen, für die Realität? Prof. Breitenbach und ich diskutieren gerade darüber, ob das ein Zerrbild ist, da eher extrovertierte Lehrkräfte so von ihrer Arbeit berichten, die aber die Minderheit darstellen, oder ob das Problem so virulent ist, wie einige Zuschriften uns nahelegen. Wie sehen Sie das?
      Herzliche Grüße aus Oberbayern,
      Miriam Stiehler

  2. Rebecca / 15. Dezember 2017 at 16:54 /Antworten

    Danke für diesen Text! Ich habe beim Verfolgen diverser fb-Beiträge schon gedacht, ich (eine Junglehrerin im 2. Berufsjahr) wäre die Einzige, die diese Buchstaben-Aktionen als totalen Quatsch empfindet und gerne und viel im Heft schreiben lässt.

    • Miriam Stiehler / 18. Dezember 2017 at 10:53 /Antworten

      Liebe Rebecca,

      danke für das positive Feedback! Wir rätseln selbst, ob das, was Lehrkräfte im Internet darstellen, wirklich repräsentativ für den Arbeitsalltag ist. (Was machen denn die Tausenden anderen Lehrkräfte, die vielleicht gar keine Zeit haben, Fotos ihrer Klassenzimmer zu posten, weil sie mit Unterrichtsvorbereitung und Korrekturen beschäftigt sind?). Wir hoffen, es ist das nicht. Aber viele Lehrkräfte fühlen sich offenbar mit einer Ansicht wie Ihrer und unserer etwas allein gelassen, wenn ich nach den Zuschriften an uns urteile. Wir hoffen, dass wir wenigstens Kolleginnen wie Ihnen zeigen können, dass Sie mit Ihrer vernünftigen Auffassung sicher nicht alleine sind.
      Herzliche Grüße,
      Miriam Stiehler

  3. Cubi / 15. Dezember 2017 at 22:21 /Antworten

    Danke für diesen Beitrag.
    Hören/Lesen werden ihn leider nicht so viele und gut finden vermutlich noch weniger. Ich war so frei und hab ihn auf meinem insta-account erwähnt.
    Man kann das nicht oft genug anprangern. Aber dann ist der Aufschrei „tut nicht den fleißigen Lehrerinnen Unrecht“ groß.

    • Miriam Stiehler / 18. Dezember 2017 at 10:50 /Antworten

      Liebe Leserin, lieber Leser,

      teilen Sie nur so viel Sie wollen, wir freuen uns darüber. Wird man gehört? Ja, durchaus. Wir haben sehr viele Likes bekommen und eine große Anzahl persönliche Zuschriften von Lehrkräften, die es ähnlich sehen, sich damit aber allein gelassen fühlen. Das war ein Vielfaches der Menge an kritischen Reaktionen. Auch wenn es nicht der Mainstream ist – ich denke, man muss ein bisschen der Rufer in der Wüste sein und wichtige Dinge immer mal wieder aussprechen, auch wenn sie banal wirken weil man meinen könnte, das muss doch sowieso jeder wissen.
      Aufschrei? Ja, gab es natürlich auch. Ich habe mich z.T. auch in eine unselige Diskussion hineinziehen lassen und durfte erleben, wie schnell sich die Lehrkräfte, die Stunden um Stunden in solche Dinge investieren, gekränkt fühlen. Ist ja auch erklärlich: Man empfindet sich als fleißig und engagiert, weil die Produkte hübsch und mit Begeisterung erstellt sind. Als Kinderzimmerdekoration, Bilderbücher, Partyausstattung uvm. wäre vieles davon sicher richtig klasse, genauso wie es im Jugendzentrum oder Kinderheim toll wäre, wenn Pädagogen am Nachmittag mit vernachlässigten Kindern Marmelade kochen, Kekse backen und Skateboard fahren. Aber es geht hier nunmal um die Schule, und wer fühlt, dass seine Aktivitäten als nicht passend zur (selbst gewählten) Aufgabe betrachtet werden, fühlt sich gekränkt.

      Im persönlichen Gespräch ist es immer einfacher, weil dann leichter rüberkommt, dass man niemandem Böses will, aber mit Leidenschaft für eine fundierte und bestimmte Sichtweise eintritt. Im Netz fehlt durch Mimik, Stimme etc. vieles, was bei unseren Vorträgen und Veranstaltungen immer zeigt, dass es uns um die Sache geht und automatisch zu respektvollen Reaktionen führt, auch bei Andersdenkenden. Auch ist der persönliche Umgang der meisten Menschen doch tendenziell freundlicher als in der Teil-Anonymität des Internets, und auch wir müssen uns teilweise erst an Social Media gewöhnen. Aber letztlich wird es immer so sein, dass kompetente und vernünftige Lehrkräfte neben solchen mit großen Kompetenzmängeln arbeiten und letztere nicht immer an Verbesserungen interessiert sind, vielleicht, weil die Folgen für das eigene Selbstbild doch zu weitreichend wären. Wenn man mit falschen Vorstellungen Lehrkraft geworden ist, kann man sich nicht einfach umkrempeln; ich hatte einige Kolleginnen, deren Motivation für die Sonderpädagogik lautete „Downies sind doch sooooo süüüüß“ u.ä., und solche, die bis an den Rand der Kindeswohlmissachtung an Schülern vorbei unterrichtet haben, nur, um sich nicht der realen Schwere von deren Behinderung zu stellen. Gerade, wenn die Wahl Grundschullehramt + sopäd. Fachrichtung war, klafften da die Erwartungen teils extrem mit der Realität auseinander, zumindest bei den Kolleginnen, mit denen ich gearbeitet habe. Was zum Teil sicher wiederum an der Ausbildung liegt; manchmal müsste man einfach auch früher abraten und umlenken, wie es an der Uni Bamberg versucht wird.

      Es ist nicht immer einfach. Aber wenn man sich nicht mehr traut, die wichtigen Dinge zu sagen und, bewahre, vielleicht auch mal einen Witz einzubauen, dann wird die Welt doch sehr trist.

  4. Andrea K. / 16. Dezember 2017 at 6:41 /Antworten

    Liebe Frau Stiehler,

    ich stimme Ihnen absolut zu wenn es um den Verfall der Didaktik geht. Die Ursachen dafür liegen meiner Meinung aber hauptsächlich in der zweiten Ausbildungsphase, sprich Referendariat. Ich hatte das große Glück, einen Profi als Ausbilder zu haben. Wenn ich noch in anderen Grundschul- und Mittelschulseminaren umsehen, dann wird mir manchmal flau im Magen. Wenn eine 2 oder 1 in der Lehrprobe nur erreichbar sind, wenn das Klassenzimmer zu einem barocken Saal, zu einer Steinzeithöhle, einem Chemielabor, einer Schokoladenfabrik…was auch immer, umgewandelt werden muss, sehe ich hier den Hasen im Pfeffer liegen. Teilweise (nicht überall) wird schon während der Seminarzeit in den ersten UVs deutlich gemacht, dass eine Show geliefert werden muss, ein Methodenfeuerwerk mit viel sensualischem BlingBling, Differenzierungs-Klunkern und nebenbei sollen die Schüler den Eindruck machen, all das bereits zu kennen (der Vorlauf ist entsprechend lustig in der Vorbereitung)… Prüfungskommissionen wollen es so sehen – und je mehr Prüflinge eine gut Note für so etwas kassieren, desto mehr Nachahmer gibt es. Ich denke, diesen Aspekt sollte man auch in die Argumentation einbeziehen.
    Vielen Dank für Ihren tollen Beitrag!

    • Miriam Stiehler / 18. Dezember 2017 at 10:33 /Antworten

      Liebe Frau K., herzlichen Dank für Ihr Feedback. Wenn die Beispiele zu den Klassenzimmern real so vorkamen, übertrifft das manches, was ich bisher in diesem Punkt erlebt habe. Ich stimme Ihnen zu, dass das Referendariat hier viel Schaden anrichtet; ich bin froh, dass viele Leser uns auf diesen Punkt hingewiesen haben. Es deckt sich mit meiner Erfahrung. Andere Leserinnen hingegen haben uns berichtet, dass es gerade die erfahrenen Kolleginnen seien, die auf Schonhaltung und übertrieben spielerischen Methoden bestünden. Wir wissen nicht mit Sicherheit, wie genau hier insgesamt die Anteile verteilt sind. Prof. Breitenbach berichtet, dass der Geist des Referendariats in Form von „praxisbezogenen“ Seminaren immer stärker auch an den Universitäten Einzug hält, siehe Artikel. Das Problem daran ist aus unserer Sicht, dass der vermeintliche Gegensatz „Theorie vs. Praxis“ immer stärker betont wird und eine immer umfundiertere Praxis neben einer immer lebensferneren Theorie steht. Richtig wäre aus unserer Sicht, schon an der Universität besser zu zeigen, wie aus einer guten Theorie immer auch eine bessere Praxis fließt, anstatt zu vermitteln „Jetzt könnt Ihr endlich die Theorie abhaken, jetzt wird es praktisch.“ Deshalb auch meine Vorliebe für Hans Aebli. Schon in seiner Dissertation „Psychologische Didaktik“ stellt er zwei verschiedene Unterrichtsreihen zur Flächen- und Umfangsberechnung vor, die er auf Basis verschiedener Theorien durchgeführt hat, und zeigt klar die Vorteile der operationsorientierten Methode. Sie ist das, was im besten Sinne „handlungsorientiert“ bedeutet, aber leider ist auch das heute eher zu „hantieren“ verflacht. Da die Ausbilder nunmal sind wer sie sind und denken wie sie denken und die bestehenden Kollegien ebenfalls, wird sich wohl auch so schnell nicht viel ändern. Aber die, die es anders machen wollen, sehen vielleicht durch Beiträge wie unsere, dass sie nicht allein sind mit ihrer Sichtweise.
      Herzliche Grüße,
      Miriam Stiehler

  5. Herrn Emrich / 22. Dezember 2017 at 7:58 /Antworten

    Hallo Frau Stiehler,

    ich gehe schon davon aus, dass die Facebookgruppen eine Filterblase sind, in der sich eine bestimmte Gruppe von Grundschullehrkräften trifft, die dann zu einem gewissen Teil ähnliche pädagogische Ansichten und Ziele haben. Auch wenn die Gruppen teilweise deutlich mehr als 10000 Mitglieder haben, so bilden sie bestimmt nur einen kleinen Teil der Lehrerschaft ab.
    Allerdings fehlt (im Netz) zum großen Teil der Gegenpol zu dieser Gruppe. Wenn es denn auch andere Lehrkräfte gibt, warum tauscht sich diese Gruppe nicht auch (in diesem Maßen) im Netz aus?
    Im Grunde müsste man mal einige Zeit durch Deutschlands Grundschulen reisen und hospitieren …

    Viele Grüße
    Florian Emrich

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