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Die Zeitschrift „Die Grundschule“ stellte kürzlich zufrieden fest, mit dem Titelthema „Handschrift“ einen Nerv getroffen zu haben: „Vier von fünf Lehrern sehen Verschlechterung der Handschrift“, so lautet das erschütternde Ergebnis einer größeren Umfrage (7/2015, S. 39). Die Lösung scheint bereits gefunden: Neue Methoden müssen her! Das sei nämlich „aus wissenschaftlicher Sicht“ angezeigt, „zum Vorteil für Kinder und Lehrkräften“ (sic). Die Schuldigen haben die befragten Grundschullehrkräfte bereits ausgemacht: Irgendein vages Entwicklungsdefizit („Schlechte Feinmotorik – 84 Prozent“), das böse Elternhaus („Zu wenig Übung zu Hause – 61 Prozent“), und, natürlich, der gefährliche Fortschritt des neuen Jahrtausends („Fortschreitende Digitalisierung der Kommunikation – 53 Prozent“). Ein Schelm, der fragt, wer denn die Hausaufgaben zur häuslichen Übung stellt und Konzepte für Tablets im Schulunterricht beeinflussen kann… Man darf gespannt sein, wie die bahnbrechend neuen Methoden aussehen werden, mit denen man diese unerklärlichen Phänomene beseitigt – ein „spezielles motorisches Schreibtraining“ ist angekündigt und lässt Großes befürchten hoffen. Selbstverständlich braucht es dazu viel „mehr Zeit zur Förderung im Unterricht“. Ich verstehe diese Forderung vor dem Hintergrund einer gefühlten Überlastung, aber:

Ist es wirklich ketzerisch, zu fragen, ob das nicht weitestgehend hausgemachte Fehlentwicklungen der modernen Grundschuldidaktik sind? Ob mit der Forderung nach neuen Methoden Lehrkräften nicht ledigleich eine weitere Zusatzlast auferlegt wird? Und ob sich das Grundproblem nicht viel besser durch eine veränderte Gestaltung des alltäglichen Unterrichts und der Bildung im Kindergarten lösen ließe?

Ich denke, diese Fragen drängen sich jedem auf, der die Veränderungen in Didaktik und pädagogischer Haltung der letzten Jahrzehnte betrachtet – im Fach, in der Schule und auf Elternseite. Man kann nämlich nicht beides haben: Eine Schule, die frei von Anforderungen ist, und eine Schule, in der man auf Dauer gründlich etwas lernt. Eine Generation von Didaktikern, Eltern und Pädagogen, die selbst noch eine gute Handschrift entwickeln durfte, hat (mit Hilfe ebendieser ermüdungsarmen und routinierten Handschrift) eine Menge Pamphlete und Bücher verfasst – auch solche, die dazu führten, dass ihre Kinder und Enkel als Schulkinder lediglich noch „kommunikative Botschaften“ in schwer lesbarem Gekrakel anfertigen. Das betrifft vor allem all jene, die das Fach prägten; weniger die einzelnen Lehrkräfte, die ja durch ihre Ausbildung von der jeweilig vorherrschenden Meinung bereits geprägt wurden.

Hier ist kein Raum für eine repräsentative Studie, aber exemplarisch möchte ich anhand einiger Schulhefte fragen, ob diese Entwicklung ihre Ursachen nicht zu weiten Teilen in der Grundschule selbst hat. Als Beispiel dienen zwei sorgfältig ausgewählte Schulhefte von heute, zwei von 1962. Ich habe mit Absicht nicht Hefte von heutigen schwachen Schülern denen von Musterschülern der 60er Jahre gegenübergestellt, sondern Hefte von Kindern ausgesucht, die in ihren heutigen ersten Klassen zu den Klassenbesten gehören. Die alten Hefte stammen von mittlerweile erwachsenen Schülern, die zumindest gerne an ihre Schulzeit zurückdenken. Nehmen wir einmal an, auch sie gehörten zu den Klassenbesten – wenn es die Leistungen ehemals schwacher Schüler sein sollten, würde das die Diskrepanz zum Heute nur vergrößern.

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Bild 1 – Schuljahr 1962/1963

Bild 1:
Schüler: Erste Klasse, Deutsch, Schuljahr 1962/63, männlich, Oberfranken, Geburtsjahr 1956 (Alter also 5-6 Jahre).

Quelle: http://alteschulhefte.net
Schulleistungen gesamt: unbekannt
Datum des Hefteintrags: ca. November des 1. Schuljahres – nach ca. 8 Wochen Unterricht

Lehrerbewertung: Sehr gut
Schreibmittel im Heft: Farbstift, Bleistift, Füllfederhalter (!)
Seitenanzahl gesamt: 30 beschriebene Seiten mit 248 vollständig beschriebenen Zeilen.

 

 

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Bild 2 – Schuljahr 2011/2012

Bild 2:
Schüler: Erste Klasse, Deutsch, Schuljahr 2011/2012, weiblich, Oberbayern, Alter 6 Jahre.

Quelle: Archiv Dr. M. Stiehler
Über den Schüler: Note 1 in Deutsch; alle anderen Fächer 1 und 2; Klassenbeste in Deutsch; hoher IQ; zeichnet gerne; Akademikerhaushalt; feinmotorisch unauffällig
Datum des Hefteintrags: ca. Juni des ersten Schuljahres (d.h. nach 9 Monaten Unterricht)

Lehrerbewertung: Gut mit Lobes-Stempel
Schreibmittel: Bleistift
Seitenanzahl gesamt: 26 beschriebene Seiten mit 113 vollständig beschriebenen Zeilen.

 

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Bild 3 – Schuljahr 1962 / 1963

Bild 3:
Schüler: Erste Klasse, Rechnen und Schreiben, Schuljahr 1962/63, männlicher Schüler, Bayern

Quelle: http://alteschulhefte.net
Datum des Hefteintrags: ca. November des ersten Schuljahres (ca. 8 Wochen Unterricht)

Lehrerbewertung: brav
Seitenanzahl gesamt: 74 beschriebene Seiten mit über 640 vollständig beschriebenen Zeilen.

 

Bild 4 - 2011/2012

Bild 4 – 2011/2012

Bild 4:
Schüler: Die selbe Schülerin wie Bild 2
Datum des Hefteintrags: ca. November des ersten Schuljahres (ca. 8 Wochen Unterricht); Alter 6 Jahre.

Lehrerbewertung: Königskronen-Smiley (entspricht „sehr gut“)
Seitenanzahl gesamt: 22 beklebte Seiten mit (umgerechnet) 31 vollständig beschriebenen Zeilen.

 

Nicht nur die Sauberkeit fällt auf, sondern auch, dass manche Schüler 1962 viermal so viel pro Schuljahr geschrieben haben wie ein (guter!) Schüler 2012. Und das von Anfang an in weitaus besserer Qualität.

Für die Förderdiagnostik ist die Frage höchst bedeutsam, ob diese Entwicklung an den Kindern oder am Unterricht liegt. Schreibt man das Problem nämlich den Schülern zu, dann bedeutet das in der Praxis: Ergotherapie wegen „feinmotorischer Störung“ im Kindergarten; Sonderförderstunden und teure Extra-Trainings für Schreibschwache, da dies nicht als zum normalen Unterricht gehörig betrachtet wird. Vielleicht auch die Auflösung in ein Dutzend „individuelle Schreibwege“, bei denen im inklusiven Unterricht vom „Schreiben“ mit Fingerfarben über das Stempeln oder Einfügen von Emoticons in Texte mal wieder „anything goes“ das Motto sein wird. Solche Methoden lösen das Problem nicht, sie schaffen es den Erwachsenen nur aus den Augen.

Die einzelne Lehrkraft ist zu einem gegebenen Zeitpunkt sicher nicht alleine verantwortlich für das Vorliegen einer schlechten Handschrift, aber sie hat den größten Hebel, um etwas zu ändern. Das gilt besonders in der Grundschule, wo durch das Klassenlehrerprinzip sehr viel Zeit pro Woche mit der eigenen Klasse zur Verfügung steht. Allerdings kann momentan die einzelne Lehrkraft nur dann etwas verändern, wenn sie sich gegen den (noch?) herrschenden Zeitgeist stellt.

Es ist möglich,  anders zu unterrichten, aber man ist ein wenig auf sich allein gestellt, wenn man es versucht. Warum das so gekommen ist und was sich ändern müsste: Davon handeln die nächsten Teile dieser kleinen Reihe in den nächsten Woche. Weitere Themen werden sein:

  • Beispiele für einfache, aber wirksame Übungen
  • die notwendige Lernerziehung, die zu sauberer Schrift und guter Graphomotorik führt
  • und die Frage, welchen Nutzen Handschrift sowohl für die Persönlichkeit als auch für alltägliche Aufgaben im 21. Jahrhundert besitzt.

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