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Eine nachgewiesenermaßen wirksame, wissenschaftlich evaluierte Fördermethode für lese-rechtschreibschwach Kinder darf in Bayern trotz erfolgreicher Pilotprojekte nicht dauerhaft eingeführt werden, weil sie nicht in die Inklusionsphilosophie der Bildungspolitiker passt. Was ist passiert?

Nachdem eine Vielzahl von Grundschullehrkräften die Zusatzausbildung zum Dyslexietherapeuten BVL an der Johann-Wilhelm-Klein Akademie in Würzburg erfolgreich absolviert hatten, drängte sich den Organisatoren und Moderatoren der Ausbildungskurse die Frage nach dem Transfer in die Schule auf: Wie ließe sich nun diese besondere Expertise der Lehrkräfte nutzbringend und elegant in den schulischen Alltag integrieren? Wie könnten lese-rechtschreibschwache Kinder an Grundschulen in den Genuss einer gezielten Förderung durch diese spezialisierten Lehrkräfte kommen?

Die dazu entwickelte Förderidee nahm ihren Ausgangspunkt bei den durchweg positiven Erfahrungen rund um die LRS-Klassen in der DDR, die Leseklassen zum Beispiel in Mannheim sowie den Schulversuch zur LRS-Intensivförderung in Mecklenburg-Vorpommern in den 1990er Jahren. Die Analyse der Berichte und Veröffentlichungen zu diesen Maßnahmen ergab ein erstaunlich konsistentes Bild vom praktizierten Lehr-Lernarrangement: Die Gruppen bestanden aus maximal sechs Kindern. Die Förderzeit belief sich in der Regel auf 12 Wochen. Zur Förderung wurden evaluierte strukturierte und symptomorientierte Förder- und Trainingsprogramme eingesetzt. Die Schüler wurden von speziell im LRS-Bereich ausgebildeten Lehrkräften unterricht. Exakt diese Rahmenbedingungen wurden in den letzten Jahren in Evaluations- und Metastudien als entscheidende Bestandteile einer effektiven schulischen Förderung von lese-rechtschreibschwachen Kindern bestätigt.

Weithin ungeklärt war in diesem Zusammenhang aber noch die Rolle der sozio-emotionalen Faktoren. Einerseits verwiesen Studien übereinstimmend auf die zentrale Stellung des Leseselbstkonzepts beim Erwerb der Lesekompetenz. Das Selbstkonzept als Schüler galt als bedeutender Prädiktor für schulische Leistung schlechthin. Die Kinder, die sich für gute Leser oder überhaupt für gute Schüler hielten, lernten in der Folge mit besonders großem Erfolg in der Schule. Andererseits war bekannt, dass lese-rechtschreibschwache Kinder besonderen psycho-sozialen Belastungen ausgesetzt waren mit negativen Folgen für Selbstwertgefühl und  Lernmotivation. Sie hielten sich für dümmer als die Anderen und trauten sich wenig zu beim Lernen. Im Jugendalter wurde gar in amerikanischen Studien von vermehrten Schulabbrüchen, einer erhöhten Rate von Substanzmissbrauch, Suizidversuchen und häufigeren psychiatrischen Störungen berichtet. Wirklich belastbare Daten lagen dazu jedoch keine vor.

Auf der Grundlage und unter Beachtung dieser Forschungs- und Erkenntnislage wurde ein Projekt zur Intensivförderung lese-rechschreibschwacher Grundschulkinder in Würzburg konzipiert und durchgeführt. Kinder mit Lese-Rechtschreibschwäche sollten im Rahmen einer Intensivförderung die Gelegenheit erhalten, den Schriftspracherwerb noch einmal und mit möglichst wenigen Fehlern zu wiederholen. Durch die Bildung von gesonderten Fördergruppen sollten die Kinder ohne die als belastend empfundene Konkurrenz überlegener Mitschüler und ohne den Druck der Stoffbewältigung im Klassenunterricht arbeiten können.

Zur intensiven und kompakten Förderung wurden pro Gruppe fünf bis sechs lese-rechtschreib-schwache Grundschulkinder aus der Stadt Würzburg für die Dauer von drei Monaten vom Besuch des Klassenunterrichts befreit. (Insgesamt nahmen 32 Kinder verteilt auf 6 Gruppen an der Studie teil.) In dieser Zeit wurden sie gemeinsam in einer neu eingerichteten Klasse intensiv jeden Tag in den Bereichen phonologische Bewusstheit, Phonem-Graphem-Korrespondenz, Silbenlesen, Segmentierung gefördert. Sie übten, sowohl beim Schreib- als auch beim Lesevorgang Hilfen wie „Silbentanzen“, „Schwingen“ und Regeln zur Kontrolle des Geschriebenen einzusetzen. Als zentrales und grundlegendes Förderprogramm war die „Lautgetreue Lese-Rechtschreib-Förderung“ von Reuter-Liehr vorgesehen. Die Intensivförderung erstreckte sich während des Kurses über drei Stunden täglich und wurde von einer Lehrperson durchgeführt, welche die Ausbildung zum Dyslexietherapeuten nach BVL erfolgreich absolviert hat.

Diese Förderung des Lesens und Rechtschreibens, die über 12 Wochen hinweg täglich drei Schulstunden umfasste, erzielte einen Umfang von insgesamt 180 Stunden à 45 Minuten. Diese Förderintensität wurde bis dato in keiner bekannten Studie zur Förderung lese-rechtschreibschwacher Kinder erreicht und konnte deshalb mit Recht als eine Intensivförderung bezeichnet werden. In weiteren zwei Stunden pro Tag wurden vor allem Inhalte aus dem Fach Mathematik, aber auch aus anderen Fächern laut vorliegendem Lehrplan von einer weiteren Lehrkraft unterrichtet. Nach der dreimonatigen Förderung in der Intensivklasse gingen alle Schüler wieder in ihre Ursprungsklassen zurück.

Wie wurden die Intensivklassen zuzsammengestellt?

Gegen Ende des zweiten Schuljahres wurden alle Grundschullehrkräfte der Stadt Würzburg in einer Dienstbesprechung über das geplante Projekt informiert. In Gesprächen mit Eltern lese-rechtschreibschwacher Kinder ihrer Klasse wiesen die Lehrkräfte auf die Möglichkeit einer Intensivförderung im folgenden Schuljahr hin. Anschließend wurde den interessierten Eltern in einem Elternabend das Projekt durch die Projektmitarbeiter vorgestellt und sie mussten nun entscheiden, ob ihr Kind am Intensivkurs teilnimmt oder nicht. Wünschten die Eltern eine Intensivförderung für ihr Kind, legten sie dem zuständigen Schulamt eine entsprechende Einverständniserklärung vor und alle beim Schulamt angemeldeten Kinder wurden dann zu Beginn des dritten Schuljahres psychologisch untersucht. Auf der Grundlage dieser diagnostischen Daten wurden vom Projektteam die Intensivklassen zusammengestellt.

Wie wurde das Lehr-Lernarrangement auf seine Wirkung geprüft?

Die Evaluation der Intensivförderung erfolgte mittels eines Prä-Post-Vergleiches und entsprach einem für Evaluationsstudien üblichen Kontrollgruppendesign. Dabei durchlief jede Intensivklasse zunächst eine dreimonatige Wartezeit, in der sie als Kontrollgruppe fungierte. Nach der Wartezeit begann die dreimonatige Förderung, wobei die Intensivklasse nun zur Experimentalgruppe wurde. Auf diese Weise gelang eine optimale Parallelisierung von Experimental- und Kontrollgruppe und ein Nichtfördern der lese-rechtschreibschwachen Kinder in der Kontrollgruppe, was ethisch nicht vertretbar wäre, wurde vermieden.

Die Kinder wurden vor Beginn der Wartezeit im Rahmen des Auswahlverfahrens (Messzeitpunkt 1), am Ende der Wartezeit und damit gleichzeitig auch zu Beginn der Förderzeit (Messzeitpunkt 2), am Ende des Intensivförderkurses (Messzeitpunkt 3) und sechs Monate nach Ende des Intensivförderkurses (Messzeitpunkt 4) mit mehreren Lese-Rechtschreibtests sowie mit Fragebögen zur Erfassung ausgewählter Bereiche der Schülerpersönlichkeit untersucht. Das Projekt lief von März 2008 bis März 2012.

Was kam bei der Evaluation heraus?

Fasst man die Untersuchungsergebnisse zusammen, so lassen sich folgende zentrale Erkenntnisse herausstellen:

  • Die Rechtschreibleistungen der teilnehmenden Kinder verbessern sich durch die Intensivförderung im Vergleich zur Wartezeit signifikant.
  • Diese verbesserten Rechtschreibleistungen bleiben über mindestens sechs Monate, während die Schüler wieder in ihrer Ursprungsklasse unterrichtet werden, stabil.
  • Die Leseleistungen bewegen sich zum Messzeitpunkt eins im noch altersgemäßen Bereich und verbleiben dort während der gesamten Untersuchungszeit. Durch die Intensivförderung bewirkte Fördereffekte können hier nicht nachgewiesen werden.
  • Die teilnehmenden Kinder verlassen die Intensivförderkurse mit im Mittel altersgemäßen Lese- und Rechtschreibleistungen.
  • In den untersuchten Persönlichkeitsvariablen zeigen sich bei den teilnehmenden Kindern mit schwachen Lese- und Rechtschreibleistungen keine negativen Veränderungen. Die Werte sind altersgemäß und bleiben es während der gesamten Untersuchungszeit.

Das hier beschriebene Lehr-Lernarrangement stellt somit eine effektive Möglichkeit zur Intensivförderung von lese-rechtschreibschwachen Schülern im Rahmen der Grundschule dar.  Besonders hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang, dass die Lese- und Rechtschreibkompetenzen am Ende des Intensivkurses bei der Mehrzahl der teilnehmenden Kinder altersgemäß sind und sich damit dem Durchschnitt der Regelklassen angenähert haben.

Desweiteren scheint der frühe Interventionsbeginn zum Ende des zweiten Schuljahres die oft beschriebenen und viel beklagten Beschädigungen des Selbstkonzepts bei Schülern mit Lese- und Rechtschreibproblemen zu verhindern und kann damit als wirksame Prävention für Störungen schulischen Lernens betrachtet werden.

Warum endet die wirksame Intensivförderung in der Schublade?

Projektmitarbeiter, Eltern, Grundschullehrkräfte, Schulräte, alle waren vom Projekt und seinen positiven Auswirkungen begeistert und unisono der Meinung, dass solche Klassen eigentlich ohne großen zusätzlichen Aufwand fest in der Würzburger Schullandschaft installiert werden könnten und sollten.  Für die dauerhafte Implementierung hätte man lediglich eine Lehrerstelle zusätzlich benötigt sowie Unterstützung durch den schulpsychologischen Dienst bei der Schülerauswahl, was vom zuständigen Schulamt problemlos zugesagt wurde. Auch der benötigte Fahrtkostenzuschuss für bedürftige Schüler wurde von der Stadt Würzburg gerne übernommen.

Hoffnungsfroh und mit stolz geschwellter Brust fuhr eine Delegation nach München ins bayerische Kultusministerium und erläuterte den zuständigen Ministerialen die Geschichte mit den Intensivförderklassen und baten um Unterstützung bei der künftigen regelmäßigen Durchführung. Man lobte brav das große Engagement aller Beteiligten und zeigte sich beeindruckt von der Ergebnissen. Man stellte dann jedoch lapidar fest, dass eine solche „segregative“ Fördermaßnahme nicht in die inklusive bayerische Schullandschaft passe. Solche Intensivklassen seien leider mit der derzeitigen an Inklusion orientierten bayerischen Bildungspolitik unvereinbar. Aus rein ideologischen Gründen wird also diese nachweislich effektive Form der Förderung Schülern verwehrt bleiben. Wenn sich ihre Lese-Rechtschreib-Probleme verschlimmern, müssen sie darauf hoffen, dass sie im Rahmen des Klassenunterrichts inklusiv von der Lehrkraft gefördert werden, die noch zahlreiche weitere Schüler mit anderem Förderbedarf gleichzeitig zu versorgen hat. Es dürfte unmöglich sein, eine auch nur annähernd ähnlich intensive Förderung im Klassenverband sicherzustellen. Das bedeutet in letzter Konsequenz, dass die Kinder anstelle einer dreimonatigen Förderung im Rahmen des Schulbesuchs auf eine kinderpsychiatrische Diagnose von Legasthenie und drohender seelischer Behinderung angewiesen sein werden, um dann im Umfang von nur 1-2 Unterrichtsstunden pro Woche wesentlich teureren Förderunterricht am Nachmittag in ihrer Freizeit zu erhalten und für die übrigen Wochentage beim Üben sich selbst und dem Engagement ihrer Eltern überlassen sind.

Folgestudie in Münchner Grundschule

Von 2011-2014 führte Frau Annette Widhopf-Wimmer im Rahmen ihrer Promotion (Humboldt-Universität zu Berlin; bertreut von Prof. Dr. Erwin Breitenbach; Abschluss 2016) eine vergleichbare Studie zur Intensivförderung von lese-rechtschschwachen Kindern (N=22) an einer großen Münchner Grundschule durch. Die Intensivförderung lief unter den gleichen Rahmenbedingungen wie in der Würzburger Studie ab. Einziger Unterschied: Frau Widhopf-Wimmer arbeitete mit einem anderen Förderprogram, dem Würzburger othographischen Training (WorT). Das Ergebnis war gleichermaßen positiv. Beim Vergleich der Daten aus der Würzburger und Münchner Studie fand Frau Widhopf-Wimmer keine statistisch bedeutsamen Unterschiede. Das eingesetzte Trainingsprogramm – das jedoch unbedingt ein evaluiertes sein muss –  scheint für den Födererfolg zweitrangig zu sein. Entscheidend ist das intensiv gestaltete Lehr-Lernarrangement.

Übrigens: Auch die Ergebnisse dieser zweiten Studie führten nicht zum Um- oder Nachdenken im inklusiv ausgerichteten bayerische Kultusministerium…

 

Weitere Informationen und Genaueres über die Intensivklassen:

Breitenbach, E. (2012): Inklusive Intensivförderung von Kindern mit Lese-Rechtschreib-Schwäche. In: Metzger, K. u. Weigl, E. (Hg.), Inklusion – praxisorientiert. Berlin 101-111

Breitenbach, E. (2012): Intensivförderung von lese-rechtschreibschwachen Kindern in der Grundschule. In: Empirische Sonderpädagogik 4, 167-182

Widhopf-Wimmer, A. (2016): Intensivförderung von lese-rechtschreibschwachen Kindern – eine geeignete Förderform in der Grundschule. München: Herbert Utz Verlag

Am Würzburger Projekt haben mitgearbeitet:

Prof. Dr. Erwin Breitenbach (Humboldt-Universität zu Berlin, Projektleitung), Dr. Wolfgang Drave (Johann-Wilhelm-Klein Akademie Würzburg, Projektleitung)

Ursula Dorsch (Grundschullehrerin und Dyslexietherapeutin, LRS-Förderung), Dagmar Wehr und Stefan Baumann (Grundschullehrkräfte, Mathematikunterricht und andere Fächer)

Rike Dummert und Monika Motschenbacher (Diplom-Psychologinnen, Testpsychologische Untersuchungen und Auswertung der Daten)

Dr. Harald Ebert (Don-Bosco-Berufsschule Würzburg, Berater), Dr. Petra Küspert (Würzburger Institut für Lernförderung, Beraterin), Prof. em. Dr. Andreas Möckel (Universität Würzburg, Berater), Gabriele Rube (Staatliches Schulamt Würzburg, Beraterin)

 

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Ein Kommentar

  1. Siegbert Rudolph / 25. August 2018 at 15:17 /Antworten

    Die hier gezeigten Möglichkeiten der Intensivförderung sind sicher eine gute Lösung. Schließlich ist die fehlende Zeit für die gezielte Förderung das Hauptproblem. Aber leider wurde die Idee nicht vom zuständigen Schulministerium entwickelt. Was mich wundert ist, dass nicht die Kosten als Gegenargument mit aufgeführt wurden. Dass es weniger auf die Methode, als eben auf die intensive Betreuung über einen längeren Zeitraum ankommt, wird in dem Bericht ja auch aufgezeigt. Ein bisschen erinnert man sich an die Förderklassen in der früheren DDR, bei denen ja auch erfoglreich Lese-Rechtschreibschwierigkeiten durch Intensivförderung beseitigt wurden. Ich bin gespannt, wann die Kultusministerien endlich aufwachen. Ob die Hamburger Erklärung dazu beiträgt, bleibt abzuwarten. Ich bin skeptisch.

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