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Schütteln Sie auch manchmal den Kopf über die Wortneuschöpfungen der Pädagogik? Da wurde aus der „Hilfsschule“ die „Schule für Geistigbehinderte“ und dann die „Schule zur individuellen Lebensbewältigung“, aus „schwierigen Kindern“ wurden „Kinder mit Verhaltensstörungen“ und dann „Kinder mit herausforderndem Verhalten“, stets mit neuen Schildern, Drucksachen und ganz viel Tamtam. Geld und Zeit haben wir offenbar für diese regelmäßigen Umbenennungen – aber beides fehlt, wenn es um den Ausbau pädagogischer und diagnostischer Kernkompetenzen geht. Es fehlt an soliden Inhalten, aber an Neologismen herrscht Überfluss. Das ist nicht neu. (Macht dieser Umstand es nun besser oder noch trauriger?)

Karl Jaspers sah dies bereits 1932 als Problem an, und es hat sich bis heute eher verschärft. Was er damals in „Die Geistige Situation der Zeit“ schrieb, gilt heute unvermindert:

„In dem Bildungschaos läßt sich alles sagen, aber so, daß nichts mehr eigentlich gemeint wird. … Wenn der Halt an echten Inhalten verlorengegangen ist, wird schließlich bewusst die Sprache als Sprache ergriffen und zum Gegenstand der Absicht gemacht. Wenn ich eine Landschaft sehe durch eine Scheibe und diese trübe wird, so sehe ich zwar immer noch, aber gar nicht mehr, wenn ich die Scheibe selbst ins Auge fasse.

Heute wird gemieden, durch die Sprache auf das Sein zu blicken, vielmehr das Sein mit der Sprache vertauscht. Das Sein soll „ursprünglich“ sein, also meidet man jedes gewohnte Wort, zumal die hohen Worte, welche Träger von Gehalten waren und sein könnten. Das ungewohnte Wort und die ungewohnte Wortstellung müssen ursprüngliche Wahrheit vortäuschen, neu in den Worten zu sein, Tiefe. Geist scheint im Umbenennen zu bestehen. Man ist für einen Augenblick durch das Überraschende einer Sprache gefeselt, bis auch sie schnell abgenutzt ist oder sich als Larve erweist.

Die Reduktion auf die Sprache ist wie krampfhafte Anspannung, um im Bildungschaos Form zu finden. So wird heute die Erscheinung der Bildung entweder das unverstandene verwässerte Sprechen mit beliebigen Worten oder dann, Sprachlichkeit an die Stelle der Wirklichkeit setzend, eine Sprechmanier. Die zentrale Bedeutung der Sprache für das Menschsein ist durch Verkehrung der Aufmerksamkeit zum Phantom verwandelt.“ (Die Geistige Situation der Zeit, S. 117f., 5. Auflage, Berlin 1960.)

(Hervorhebungen im Original, Hervorhebungen von mir.)

Leider ist dies, wie vieles, eine hartnäckige Folge des erkenntnistheoretischen Idealismus, der die deutsche Pädagogik und die Geisteswissenschaften im Allgemeinen nach wie vor fest im Griff hat. Es gibt kaum noch eine rationalistische und dennoch gehaltvolle, gemütstiefe Pädagogik, sondern entweder die medikalisierende, naturalistische Maskierung als Naturwissenschaft oder das völlige Aufgehen im intuitiven, idealistischen und politisch korrekten Einheitsgeschwurbel. Dazwischen stehen vereinzelte „Praktiker“, und zwar auf gefühlt verlorenem Posten und ohne eine geistige Heimat in ihrer Wissenschaft. Schade!

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