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Zu jedem psychologischen Test gehört ein Testhandbuch, das aus drei Teilen besteht. Im dritten und letzten Teil findet der Leser die vielen nach Altersgruppen geordneten Normtabellen, mit deren Hilfe die erbrachte Testleistung als altersgemäß oder als über- oder unterdurchschnittlich bewertet werden kann.

Der zweite Teil enthält ausführliche Anweisungen zur Durchführung, Auswertung und Interpretation des Testverfahrens, die sogenannte Standardisierung.

Der erste Teil des Handbuchs ist derjenige, der allzu gern und geschwind vom Testbenutzer überblättert wird, da er aus unverständlichen Tabellen, Berechnungen und Erläuterungen besteht.Unglücklicherweise beschreibt der Testautor gerade in diesem Teil, auf welcher theoretischen Grundlage und wie er den Test entwickelt hat und was die umfangreiche und detaillierte Qualitätsprüfung ergeben hat. Nur wer diese Seiten zur Kenntnis nimmt und versteht, weiß ob er ein gutes oder ein eher mangelhaftes psychometrisches Verfahren in der Hand hält und kann entscheiden, ob diese Verfahren auch wirklich für seine diagnostische Fragestellung taugt. All diejenigen, die diese ersten Seiten im Handbuch ignorieren, wissen im Grunde nicht, was sie beim Einsatz des Verfahrens tatsächlich tun.

So kommt es auch immer wieder vor, dass psychometrische Verfahren heftigst kritisiert werden: Es heißt, sie lieferten banale und ungenaue Ergebnisse oder kaum vorhandene bzw. verwertbare Hinweise für Förderung und Therapie. Solche Kritik hat in der Regel wenig zu tun mit der Qualität des Verfahrens, sondern verweist nur allzu oft und allzu deutlich auf die fachliche Inkompetenz des Benutzers. Aufgrund der Informationen aus dem ersten Teil des Handbuches hätte selbiger die Leistungsfähigkeit und Brauchbarkeit des Verfahrens ziemlich gut einschätzen und sich Enttäuschung und Ärger ersparen können.
In welchen Schritten wird nun ein psychologischer Test gemäß der klassischen Testtheorie entwickelt und auf seine Qualität hin überprüft?

  1. Zunächst sammelt der Testautor möglichst viele Items (Fragen, Aufgaben, Aussagen), die seiner Meinung nach das zu messende Merkmal bei seiner Zielgruppe besonders gut erfassen.
  2. In einem weiteren Schritt wird eine oft aus mehreren tausend Personen bestehende repräsentative Stichprobe aus der Zielgruppe gezogen, der die Itemsammlung zur Bearbeitung vorgelegt wird. Auf diese Weise entsteht die sogenannte Eichstichprobe.
  3. Die Testergebnisse aus der Eichstichprobe liefern das Material für die Itemanalyse. Jedes einzelne Item wird mit Hilfe den Kriterien Schwierigkeit, Trennschärfe und Homogenität auf seine Qualität hin überprüft. Im Rahmen der Itemselektion werden unbrauchbaren oder schlechten entfernt und es entsteht die vorläufige Endfassung des psychometrischen Verfahrens.
  4. Diese vorläufige Endfassung wird nun im nächsten Schritt als Ganzes bewertet, indem Objektivität, Reliabilität und Validität eingeschätzt werden.
  5. Im letzten Arbeitsschritt werden ebenfalls auf Grundlage der Ergebnisse aus der Eichstichprobe die Altersvergleichsnormen berechnet.

Demnächst folgen weitere Texte zur Testentwicklung:
Wie entsteht ein psychologischer Test? – Itemanalyse und Itemselektion
Wie entsteht ein psychologischer Test? – Gütekriterien
Wie entsteht ein psychologischer Test? – Normierung

 

Weiterführende Literatur:
Breitenbach, Erwin (2005): Einführung in die pädagogisch-psychologische Diagnostik. In: Stephan Ellinger & Roland Stein (Hg.): Grundstudium Sonderpädagogik. Oberhausen: Athena Verlag, S. 114–141.

 

Fisseni, Hermann-Josef (2004): Lehrbuch der psychologischen Diagnostik. Mit Hinweisen zur Intervention. 3. Aufl. Göttingen: Hogrefe.

 

Dies ist der 4. Artikel aus der Reihe „Testdiagnostik“. Sie finden alle Artikel der Reihe unter diesem Schlagwort.

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