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Spätestens auf der weiterführenden Schule ist es dran: Vokabeln pauken. Aber was ist der beste Weg? Das von vielen Lehrern geforderte Vokabelheft, ein Karteikasten oder eine App? Vor- und Nachteile der verschiedenen Methoden stellen wir in einer kleinen Reihe vor. Heute geht es um Grundlagen für alle Methoden und um das Vokabelheft, in Teil 2 wird es um verschiedene Karteikartensysteme gehen und in Teil 3 um verschiedene zum Lernen von Vokabeln und für andere Fächer wie Geschichte und Naturwissenschaften.

Was lässt man weg, was muss man ergänzen?

Leider kann man sich nicht darauf verlassen, dass in Schulbüchern der Vokabelteil so gestaltet ist, dass man sämtliche Einträge nur noch abschreiben muss, um sinnvoll zu arbeiten. Teilweise werden auch grammatikalische Inhalte wie Vokabeln behandelt und aufgelistet. Das ist lerntechnisch sehr nachteilig; Grammatik muss man in einer strukturierten Form lernen und gerade nicht wie einzelne Vokabeln. Grammatikalische Inhalte wie konjugierte Formen von Verben oder Pronomen gehören also nicht in das Lernpensum. Beides hängt von Genus, Numerus und Kasus ab und sollte daher auch im Kontext der Konjugation (1.-3. Person, Einzahl und Mehrzahl), der grammatikalischen Geschlechter (wo nötig) und der Fälle gelernt werden. (Wie man die Personen und Konjugation am besten lernt, steht in diesem Artikel.) Auch Adverbien sollte man in der Regel über sein grammatikalisches Wissen bilden (Englisch: -ly anhängen; Französisch: -ment… etc.) und nicht als Vokabeln lernen. Wer weiß, was „slow“ heißt und die Grammatik beherrscht, kann „slowly“ bilden, ohne es als Vokabel gelernt zu haben. Natürlich gibt es immer auch Ausnahmen von der Regel (good –> well; bon –> bien, etc.), die man sich zusätzlich merken muss.

Manche Einträge muss man nicht streichen, sondern ergänzen. Auch hier ist ein wenig grammatikalisches Wissen nötig, z.B. lernt man als Viertklässler, dass Verben Dativ- und Akkusativobjekte haben können. Um Verben richtig zu verwenden, sollte man dieses Wissen berücksichtigen und von Anfang an Platzhalter für die möglichen Objekte (die sog. Valenz der Verben) mitlernen. Wichtige Platzhalter sind im Englischen z.B. „sth.“ für „something“ und „s.o.“ für „someone“, im Französischen „qn.“ für „quelqu’un“ und „qc.“ für „quelque chose“. Mit Hilfe der Platzhalter und der richtigen Anschluss-Präpositionen lässt sich das gelernte Verb leichter korrekt in einen Satz einbauen. Man schreibt also nicht „to take – nehmen“ sondern „to take sth.“ – „etw. nehmen“; nicht nur „to talk“ sondern „to talk about sth.“ und „to talk to s.o.“ oder in höheren Klassen gleich „to talk to s.o. about sth.“.  So lassen sich typische Fehler von vornherein vermeiden, da die richtigen Präpositionen und möglichen Objekte mitgelernt werden, und man sagt nicht fälschlich „he talks with…“.

Ob man die Artikel immer mitschreibt oder nicht (a storm, an umbrella, etc.), ist m.E. Geschmackssache und hängt davon ab, ob man einen grundsätzlich guten Wortschatz hat und leicht Vokabeln lernt. Der gute Lerner weiß meist sofort, welche Wortart er vor sich hat, weil er die Wörter schon aus dem Unterricht gut kennt. Schwächere Lerner sollten sich die Artikel lieber notieren. Ausnahmen wie unregelmäßige Mehrzahlformen sollte man auf jeden Fall aufschreiben (woman – women), vielleicht sogar mit einem Hinweis zur richtigen Aussprache.

Lernen mit dem Vokabelheft

Auch heute noch fordern viele Lehrer von den Schülern, ein zweispaltiges Vokabelheft zu führen. Sie möchten kontrollieren, dass sämtliche Vokabeln aus dem Buch dort abgeschrieben wurden. Manche Lehrkräfte sagen auf Nachfrage, sie erlauben keinen Karteikasten, weil die Schüler unordentlich seien und die Karten dann auf dem Klassenzimmerboden herumlägen oder lose im Ranzen.

Beim Vokabellernen geht es im höchsten Maße um Automatisierung, was viele Wiederholungen erfordert. Mit dem Vokabelheft arbeiten die meisten Schüler so, dass sie eine Spalte abdecken und das verdeckte Wort laut sagen, zur Kontrolle aufdecken, etc. Manche Fachleute beschreiben als Nebenwirkung dieses Vorgehens, dass die Wörter so in einem bestimmten Kontext gelernt werden und deshalb schlechter gewusst werden, wenn sie ohne diesen abgefragt werden. Das heißt, wenn auf einer Seite nacheinander die Wörter „swimming pool“, „cake“ und „to regret sth.“ stehen, weiß der Schüler das Wort „regret sth.“ leichter, wenn jemand davor „cake“ sagt – ein großer Nachteil für die Praxis, da man nunmal nicht im Voraus weiß, welche Wörter in einer Konversation vorkommen werden.

Nötig wäre es also, die Wörter durcheinander zu lernen. Das ist schwieriger: Man müsste systematisch die Seiten heute von oben nach unten, morgen von unten nach oben oder besser in ganz willkürlicher Reihenfolge durcharbeiten.

Der größte Nachteil des Heftes ist aber die Ineffizienz. Beim Automatisieren durch viele Wiederholungen ist es Zeitverschwendung, die bereits gut beherrschten Wörter genauso häufig zu wiederholen wie jene, die man noch nicht gut kennt. Also muss man zwischen beiden trennen. Im Vokabelheft heißt das: Man muss markieren, welche Wörter man nicht auf Anhieb (d.h. in unter 1 Sekunde) wusste. Das ist aber kaum sinnvoll möglich, wenn man täglich übt (was man sollte).

 

Eine Seite mit Vokabeln sieht dann im Lauf der Woche z.B. so aus:

„a belt“ wurde am Montag gewusst, am Dienstag nicht, am Mittwoch schon und am Donnerstag nicht. Es sieht aber am Donnerstag genauso aus wie „blue“, das nur am Montag nicht gewusst wurde. Hier den Überblick zu behalten und zu entscheiden, was nun am Freitag gelernt werden soll, ist anstrengend bis unmöglich. Am besten ist es noch, die Punkte mit Bleistift zu machen und jeden Tag alle Wörter mit mindestens einer Markierung zu üben. Wurde das Wort gewusst, darf eine Markierung wegradiert werden. Während man diese Wörter auswählt, hat man sie aber bereits samt Übersetzung gelesen, der Übungseffekt ist also äußerst gering.

Kurz: Das Vokabelheft ist kein gutes Mittel, um Vokabeln zu lernen. Es bringt keine Zeitersparnis, da man in der gleichen Zeit die Vokabeln auch auf Karteikarten schreiben könnte. Es bringt große Nachteile für die Automatisierung, da man nur sehr schlecht die Wörter auswählen kann, die man besonders häufig wiederholen müsste. Das einmalige Aufschreiben im Vokabelheft und die leichte Kontrollierbarkeit rechtfertigt meines Erachtens nicht, dass Lehrer Vokabelhefte den Karteikästen vorziehen. Es wäre besser, von Anfang an eine Packung Karteikarten auf die Einkaufsliste am Schuljahresanfang zu schreiben und die Schüler mit Hilfe der Eltern an Ordnung zu gewöhnen.

 

 

 

 

 

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