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Was können Pädagogen und Psychologen von der Fernsehserie Dr. House lernen? Im ersten Teil dieser kleinen Reihe ging es um großes Wissen, Teamarbeit und Beobachtung heute geht es um das logische Vorgehen:

Nach der ersten Sammlung von Hypothesen geht es bei Dr. Houses Team normalerweise weiter mit logischen Widerlegungen. Wenn die Ist-Situation des Patienten festgehalten wurde, folgt in der Regel die erste wichtige Frage ans Team: Was erklärt die Symptome A und B zugleich? Die Teammitglieder liefern nun aufgrund ihres enormen Fachwissens mögliche Erklärungen.

Davon gibt es mehrere Arten:

  • endogene Krankheiten oder Infektionskrankheiten, zu denen beide Symptome gehören
  • Umwelteinflüsse, denen der Patient (soweit zu diesem Zeitpunkt bekannt) in der jüngeren oder älteren Vergangenheit ausgesetzt war und die die Symptome erklären könnten (Giftstoffe aus der Arbeits- oder Wohnumgebung, Drogen, Parasiten etc.)
  • Erklärungen mittels zweier Einflüsse, deren gleichzeitiges Auftreten wahrscheinlich ist und die jeweils eines der Symptome erklären könnten. Wichtig an diesem Aspekt ist die vorsichtige Überlegung, dass die akuten Symptome nicht notwendigerweise eine gemeinsame Kausalität aufweisen, sondern auch nur korrelieren, also gerade gleichzeitig auftreten könnten, obwohl ihnen sehr verschiedene Ursachen zu Grunde liegen können.

Direkt auf diese Hypothesen folgen, in der Regel im Sekundentakt (!), zunächst all jene Widerlegungen, die aus rein logischen Gründen Geltung haben. Ein Teammitglied wirft eine mögliche passende Diagnose in die Runde, ein anderes antwortet sofort mit einem notwendigen dazugehörigen Symptom, das bei diesem Patienten nicht aufgetreten ist; einer Disposition, die fehlt, etc.. Damit haben sich alle in den Fall eingearbeitet und erste mögliche Erklärungen konnten bereits ausgeschlossen werden. Zugleich bleiben einige unwahrscheinliche, aber nicht komplett auszuschließende Diagnosen allen Teammitgliedern für die spätere Erwägung im Gedächtnis.

Ein Unterschied zu Gesprächen unter Pädagogen fällt dabei auf: Es gibt in diesem Prozess nicht beliebig viele gleichberechtigte Sichtweisen „von Welt“, sondern es zählt nur, was sich überprüfen und widerlegen lässt. Die Hypothesen der anderen zu widerlegen, ist kein negativ empfundener Wettkampf, sondern eine zentrale Arbeitsaufgabe. Konflikte zwischen den Mitarbeitern entstehen aufgrund ihrer privaten Beziehungen, aber die Widerlegung einer Arbeitshypothese stellt keine Kränkung dar, sondern wird selbstverständlich hingenommen und sogar willkommengeheißen, da sie hilft, sich der richtigen Einschätzung des Patienten zu nähern. Daher verläuft dieses Gespräch auch sachlich und nüchtern, anstatt dem zwischenmenschlichen Eiertanz zu gleichen, den man in den sozialen Berufen bisweilen vollführt.

Ich ernte in Fortbildungen regelmäßig großes Erstaunen, wenn z.B. Heilpädagogen gezeigt bekommen, dass ein solcher rationalistischer Prozess auch in förderdiagnostischen und erzieherischen Fragen möglich ist. Es ist ja nicht so, dass unser Fach uns zwingen würde, hierauf zu verzichten; das ist ein rein hausgemachtes Problem.
Ich bitte gerne Teilnehmer darum, einen Fall so gut sie können vorzustellen und die darin enthaltenen Zusammenhänge durch logische Verbindungen zu erklären. Obwohl die Kollegen ihr Bestes geben, entsteht dabei in der Regel nur eine Beschreibung von Verhalten, eine Schilderung von Vorgängen, verbunden mit einigen zu wenig trennscharfen Erklärungsansätzen. Wenn sie dann sehen, wie sich die Fakten mit Hilfe förderdiagnostischen Hintergrundwissens und erzieherischer Konzepte wie Paul Moors Innerem Halt logisch auf einem gänzlich anderen Niveau verknüpfen und verstehen lassen, stoße ich nicht auf Ablehnung, sondern großes Interesse. Viele Pädagogen reagieren mit Staunen, Freude und enormer Wissbegierde und Movitation, diese Art der Diagnostik zu erlernen. Es ist durchaus erwünscht, den großen Gewinn einer solchen Vorgehensweise zukünftig zu nutzen, nur braucht es oft den Anstoß von außen, um eingefahrene Bahnen zu verlassen.

 

Die weiteren Teile dieser kleinen Reihe über Dr. House für Pädagogen finden Sie hier:

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