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Weihnachten ist schon wieder zwei Monate her, aber die nächsten Wunschzettel für Geburtstage, Ostern uvm. werden bereits geschrieben. Viele Eltern fragen mich, ob sie ihren Kindern zu solchen Gelegenheiten „Lernspiele“ schenken sollten – die Auswahl ist schließlich groß. Sind Lernspiele ein gutes Geschenk oder sollte man Lernen und Spielen trennen?

Irgendwas lernt man ja immer?

Manche Erzieher antworten auf diese Frage, dass Kinder ja schließlich bei jeder Betätigung etwas lernen, besonders, wenn sie spielen. Also wäre eigentlich jedes Spiel auch ein Lernspiel – irgendwas lernt man ja immer. Spätestens, wenn die selben MitarbeiterInnen im Kindergarten Jungs verbieten, Ninjago-Karten zu tauschen oder Mädchen davon abhalten, Barbies mitzubringen, zeigen sich die Grenzen dieser Auffassung: Zumindest wird der ein oder andere Lerneffekt beim Spielen nicht gewünscht (dazu bei Gelegenheit ein anderer Artikel…).

Denkt man ein wenig weiter als bis zu der trivialen Aussage, Spielen sei immer auch Lernen (und jede Interaktion mit Erwachsenen irgendwie „Förderung“), stellt sich einem schnell die Frage, was sich Erwachsene eigentlich von „Lernspielen“ erhoffen. Ich vermute,es geht ihnen dabei nicht um die Lernprozesse, die (fast) jedes Kind von sich aus vollzieht (wie z.B. sprechen, laufen, albern sein). Sondern sie möchten die Kinder zusätzlich gezielt fördern und zum Üben anregen, damit sie gerade das lernen, was sie sich durch selbständiges Entdecken nicht aneignen würden. Kinder meiden Dinge, die ihnen schwer fallen und die sie nicht so gut können. Gerade in solchen Fällen versuchen Erwachsenen gerne, den Kindern diese Dinge als (Lern)spiele getarnt „unterzujubeln“. Meist sind es Lerninhalte, die sie selbst nicht besonders mögen, aber die halt „sein müssen“.

Wer Arbeit ablehnt, versteht nicht, was Spiel wirklich bedeutet

Sagt man heute aus erziehungs-wissenschaftlicher, also pädagogischer Sicht etwas zum Thema „Lernspiel“, stößt man auf wenig Verständnis. Und das liegt an einem einzigen entscheidenden Punkt: In allen früheren Auseinandersetzungen mit der Frage nach Lernspielen war die Unterscheidung von Arbeit und Spiel noch der Kern des Themas. Heutzutage wird es als Zumutung betrachtet, wenn Kinder etwas arbeiten sollen. Ideologische Strömungen wie die „Bedürfnisorientierte Erziehung“ oder das „Attachment Parenting“ und natürliche die deutsche Schulfrei-Szene lehnen es ausdrücklich ab, Kindern etwas „zuzumuten“, was sie nicht selbst und freiwillig gewählt haben. Als typisches Beispiel hierfür mag folgender Facebook-Kommentar dienen. Auf die Anmerkung hin, dass Kindergartenkinder, die keinerlei Übernahme von Pflichten kennen, sich mit der Schulreife schwertun, da in der Schule auch nicht selbst gewählt wird, was man von 8-13h machen will, kam folgende Reaktion:

Ihren Kindern keine Pflichten aufzuerlegen, gehört heute zum guten Ton für manche Eltern. „Arbeit“ und „Kinder“ kennen sie höchstens im Kontext von „Kinderarbeit in der Dritten Welt“ – und somit als etwas höchst Negatives, das es zu bekämpfen gilt.

Wer das so sieht, hat keine Chance, sich dem Thema „Lernspielzeug“ pädagogisch fundiert zu nähern. Alle anderen dürfen folgende Überlegungen anstellen:

Übertriebene „Selbstbestimmung“ macht arbeitsunfähig

Heinrich Hanselmann schreibt in seinem “ Eltern-Lexikon“ (Rotapfel-Verlag Zürich, 1956):

„Das wesentliche Merkmal alles Spiels ist, daß Wege und Ziele vom spielenden Menschen selbst gewählt werden, während die Art und der Zweck einer Arbeit in der Regel von außen her bestimmt sind. … Alles Lernen aber ist Arbeit, auch wenn es vom Erzieher in die Form des Spiels gekleidet wird.“ (S. 375 f.)

„Der Unterschied zwischen Spiel und Arbeit besteht darin, daß das Kind [im Spiel] die Ziele, die Wege und die Dauer seines tuns selber bestimmt, während ihm und dem Erwachsenen in der Arbeit die Ziele von andern gestellt werden (Schule, Staat, Leben, Pflicht).“ (37)

Das ist für Hanselmann zunächst nur ein Unterschied, keine Wertabstufung. „Alles Lernen aber ist Arbeit“ – dieser Satz bedeutet mehr, als man zunächst meinen möchte.

Oberflächlich betrachtet kann man zunächst mit Hanselmann sagen: Arbeit ist es dann, wenn die Ziele und Vorgehensweise von außen bestimmt werden. Im Über-Individualismus unserer Zeit ist aber „Selbstbestimmung“ das höchste Gut. Mit dieser weitverbreiteten Ideologie wird einer individuellen Freiheit das Wort geredet, die von der Verantwortung für andere völlig losgelöst ist. Glück findet sich in der individuellen Auswahl aus fast unzähligen Wahlmöglichkeiten (z.B. 60 Geschlechter). Selbstverständlich wird erwartet, dass die mit der Wahl verbundenen Lebensrisiken durch die Gemeinschaft, also die anderen abgefedert oder übernommen werden (z.B. bedingungsloses Grundeinkommen); und die gleichen Ideologen haben wenig Hemmungen, dem Rest der Gesellschaft Selbstbestimmung da abzusprechen, wo sie es selbst für richtig halten (man denke an Fahrverbote, Veggie-Days etc.).

Tut es Kindern gut, frei von Pflichten aufzuwachsen? Nie zu lernen, dass manches eben getan sein muss, ob man gerade Lust darauf hat oder nicht? Sich einzubilden, dass alles worauf man „Lust hat“ nicht nur eine Laune ist, sondern ein berechtigtes „Bedürfnis“, auf das der Rest der Welt Rücksicht nehmen muss? Ich meine: Nein. Es schadet ihnen. Denn das Leben funktioniert so nicht. Wir stehen alle auf den Schultern von Riesen, geistig und durchaus auch finanziell. Wir leben von dem – gerade als Kinder -, was andere erarbeitet haben, indem sie gerade nicht primär das getan haben, worauf sie Lust hatten, sondern das, was vernünftig, nützlich, erstrebenswert und gut war.

Die Begeisterung für das Lernen als etwas Großartiges, die ich oben erwähnt habe, kann m.E. nur entstehen, wenn man sich das eingesteht. Wenn man mit einer gewissen Demut und Bescheidenheit staunen kann angesichts dessen, was klügere Menschen als wir selbst gedacht und erforscht haben. Wenn man nur über die eigene, vermeintlich großartige Auffassungsgabe staunt, mit deren Hilfe man dieses Wissen erfassen kann, wird man ein Narzisst (nicht umsonst eine der verbreitetsten psychischen Störungen unserer Zeit). Ergo sollte man Kindern gar nicht erst vermitteln wollen, dass alles im Leben ein Spiel ist, denn daraus folgt zwangsläufig ein gewisses Stöhnen über die Schule und die Bildung, die eigentlich eines der luxuriösesten Geschenke ist, das unser Land zu bieten hat (auch wenn wir uns, gerade hier im Blog, oft über die Schwächen der Schule in der Praxis ereifern). Nicht umsonst wollen Millionen von Menschen in der Welt so lernen und arbeiten dürfen wie die Menschen in Deutschland.

Lernspiele als Vermeidung notwendiger Lernarbeit

Für Lernspiele bedeutet das: Man sollte als Erwachsener immer zunächst seine Motivation hinterfragen. Möchte ich meinem Kind ein Lernspiel schenken, weil ich mich eigentlich davor scheue, etwas, was es können sollte, von ihm zu fordern und sachlich mit ihm zu üben? Wenn das so ist, sollte man sich – im Zweifelsfall mit qualifzierter Beratung – diesem sachgemäßen Üben und der Lernerziehung auch im Bereich des Pflichtbewusstseins widmen. Hanselmann sagt dazu:

„Lernen leicht gemacht“ ist das falsche Ziel sehr vieler moderner schulmethodischer Bestrebungen. Lernen ist aber Arbeit, das muß zu sagen gewagt werden auch vor dem Kinde. Arbeit tut dem Ich des Kindes zunächst weh, welches sich seine Beschäftigungen und -ziele selbst wählen und stellen will.“ (Heinrich Hanselmann, Eltern-Lexikon, Zürich 1956; S. 250 f.)

Dies gilt erst recht dann, wenn ein Kind besondere Schwierigkeiten im Lernen hat. Ein großer Lernrückstand, eine Legasthenie oder Dyskalkulie lassen sich nicht spielerisch bewältigen, sondern durch Üben und sachliches Nachunterrichten.

„Eltern und Lehrer wollen aber, bevor sie eine Krankhaftigkeit vermuten, immer bedenken, daß Lesenlernen eine Arbeit und keine Spielerei ist, ebenso wie Rechnen- und Schreibenlernen. Die Aufgabe für den Erzieher ist das nimmermüde und ermutigende Üben.“ (252)

Die damit verbundene Erziehungsaufgabe müssen nicht nur die Lehrkräfte in der Schule lösen und auch nicht nur die Ausbilder im Handwerksbetrieb, sondern Eltern sind die ganze Kindheit über mit dieser Aufgabe betraut.

„Die Erziehung zur Arbeitswilligkeit, d.h. zur Bereitwilligkeit der Übernahme einer ihm aufgegebenen Tätgikeit ist eine während der ganzen Kindheit und Jugendzeit immer neu und eine immer wieder zu lösende Aufgabe. Der erwachsene Mensch und auch schon das Kind müssen lernen, auch das gut zu tun, was er und es nicht gerne tun. Dabei ist das elterliche und geschwisterliche Beispiel wichtiger als alles Reden, aber dringlich notwendig, weil die weitere Umwelt heute einen Tiefstand der Arbeitsethik dem Kinde als schlechtes Beispiel vorlebt: bei möglichst geringer Arbeitsleistung möglichst viel Lohnanspruch. – Nie soll Arbeit zur Strafarbeit erniedrigt werden.“ (ebd.)

Arbeit nicht als Spiel verpacken

Arbeit hat ihre eigene Würde, genau wie das Spiel. Beide sind etwas Wertvolles. Man sollte daher eine Arbeit aus mehreren Gründen nicht als Spiel verpacken.

  1. Erstens entsteht sonst beim Kind nicht die pflichtbewusste Einsicht,  dass man auch dann sein Bestes tun muss, wenn eine notwendige oder vernünftige Tätigkeit einem zu langweilig oder anstrengend erscheint.
  2. Zweitens aber, und das ist ebenso wichtig, nimmt man damit dem Spiel seine entlastende Funktion und seine ganz eigene Würde. Ein Lernspiel ist kein richtiges Spiel, weil man ja doch nicht frei wählen kann, ob man es spielen möchte, und weil das Ergebnis nicht egal ist. Genau das muss und soll Kindern aber gegönnt werden – und zwar in Abgrenzung von der Arbeit. Spielen ist etwas Gutes; schlecht ist es nur, wenn Kinder es als solches gar nicht mehr genießen können, weil sie es nicht als Kontrast zur Arbeit erleben, da sie nie etwas arbeiten müssen.

Wenn ein Kind also gerne und von sich aus mit einem Spiel wie Halli-Galli spielt und dabei die Mengen lernt: Schön und gut. Aber wenn ein Lernspielpensum pro Tag auf Wunsch der Eltern erledigt sein muss und wenn man bei ehrlicher Selbstreflexion eine Scheu davor merkt, die eigentlich notwendige Lernerziehung und Übung zu leisten, dann ist man nicht auf dem richtigen Weg.

Man hört heute so oft die Klage von Erziehern und Ärzten, die Kinder könnten gar nicht mehr spielen. Meines Erachtens liegt das nicht nur am Überangebot von Spielsachen, sondern auch daran, dass ein Wert nur durch Verknappung entsteht. Anders gesagt: Kinder, die den ganzen Tag sowieso tun dürfen was sie wollen, empfinden viel weniger Vergnügen am Spiel, da sie seinen befreienden Charakter, die Abwesenheit von äußeren Zwängen gar nicht bemerken und genießen können. Erst der Kontrast zu einer Zeit, in der man fremdbestimmt ist, macht das selbstbestimmte Spiel besonders reizvoll. Und wenn man diesen Kontrast erlebt, möchte man aus der Spielzeit das beste machen und engagiert sich im Spiel. Dann braucht es auch keine immer neuen Spielsachen, sondern einfache Dinge genügen, um den Spieltrieb auszuleben, um die Phantasie auszureizen. Begrenzung führt zu intensiverem Erleben und Spielen. Heute ist unser Problem nicht, dass Kinder zu viel arbeiten müssen, sondern dass sie gar nichts arbeiten müssen. Das war früher anders, und deshalb forderte Hanselman schon zu seiner Zeit, dass man Kinder nicht mit Verpflichtungen und Arbeit überfrachten dürfte, wie es gerade in der Landwirtschaft durchaus gang und gäbe war:

„Auch noch das schulpflichtige Kind muss spielen dürfen. Das Spielendürfen ist für die seelische Entwicklung ebenso wichtig, wie die Nahrung für das körperliche Wachstum! Je älter es wird, desto mehr bedarf es aber dazu des „Spielplatzes“, des Spielzeuges und der Spielzeit, welch letztere in einer dem Kinde erkennbaren Weise im Tagesplan deutlich abgegrenzt werden muss gegenüber der Arbeitszeit.“ (375)

Es tut Kindern also gut, wenn wir Erwachsenen klar zwischen Spiel und Arbeit trennen. Damit das gelingt, sollten wir „Lernspiele“, also als Spiel verpackte Arbeiten, eher vermeiden. Sie sind meist nämlich wenig effizient, d.h. es kostet vielmehr Zeit, das selbe Resultat mit einem Lernspiel zu erreichen als mit systematischer, aber nüchterner Übung. Zwangsläufig muss das Kind in seinen Erwartungen dabei enttäuscht werden, und es ist von uns als Erzieher auch unaufrichtig, ihm etwas als „schönes Spiel“ zu verkaufen, von dem wir eigentlich wissen, dass es mit Unlust und Anstrengung verbunden ist. Wir dürfen eben nur nicht zu feige sein, dazu zu stehen, sondern müssen das Kind ermutigen, diese Unlust auszuhalten und im Idealfall nach intensiver Übung das Lerngebiet so gut zu beherrschen, dass es sogar über Lust oder Unlust hinaus auf einer höheren Ebene der Gemütserziehung echte Freude oder Begeisterung für das Lerngebiet empfinden kann.

Wenn das Kind sich ein Spiel erwartet, geht es außerdem nicht mit der gleichen Konzentration und Anstrengung „an die Arbeit“, denn es ist ja angeblich gar keine Arbeit, die es tun soll. Viel besser ist das daher, z.B. mit Karteikarten zu lernen als mit „spielerischen“ Apps oder anderen Lernspielsachen. Das Lernziel wird so schneller erreicht und die Kinder haben mehr davon, wenn sie ihre Arbeit effizient erledigen und dafür dann wirklich noch eine halbe Stunde spielen können, von mir aus auch Autorennen oder Indiana Jones auf der Playstation. Das ist besser als ein Lernspiel, das nicht wirklich ein Spiel ist, aber auch nicht den gewünschten Lernerfolg bringt. (Und ja, man muss an dieser Stelle kein Medienfeind sein: Warum Brettspiele mit einem Holzwürfel als Zufallsgenerator und Plastikfigürchen auf einem eindimensionalen Pappspielfeld automatisch höherwertig sein sollen als eine ganze Vielzahl an gut gemachten Videospielen, muss mir erst noch jemand schlüssig erklären.)

Schnellerer Lernerfolg bei Trennung von Spiel und Arbeit, eigene Würde des Spiels und Notwendigkeit von Pflichtbewusstsein: Das sind gute Gründe dafür, Lernarbeit vom Spiel zu trennen. Man kann mit Heinrich Hanselmann weit kommen, um in der Erziehung vieles richtig zu machen, was der heutige Zeitgeist eher falsch sieht.

Chemiebaukasten und Co. – Spiel oder Arbeit?

Und was ist nun mit Dingen wie Programmier-Apps für Kinder (Scratch etc.), mit Chemiekästen und Elektrobaukästen? Was ist mit Fischertechnik, Perlenwebrahmen und Töpferkursen? Sind das denn keine Lernspiele?

Ich würde sagen: Nein. Es sind kindgemäße Lernmaterialien. Wir verwechseln sie manchmal mit Spielsachen, weil es sie im Spielzeugladen gibt – und weil sich, im Idealfall, Kinder frei entscheiden, sich mit ihnen längere Zeit zu beschäftigen. Die freie Entscheidung für diese Tätigkeit im Rahmen einer frei und sinnvoll gestalteten Freizeit haben diese Dinge mit dem Spiel gemeinsam. Aber sie haben ein Ziel, das absolut von außen gesetzt ist: Eine bestimmte Konstruktion fertig zu stellen, ein kunsthandwerkliches Ergebnisse zu schaffen, ein chemisches oder physikalisches Phänomen zu erzeugen und zu verstehen. Es ist wunderbar, wenn Kinder sich aus eigenem Antrieb gerne mit diesen Dingen beschäftigen. Aber was wir dabei sehen, ist Freude an der Arbeit, ist der unglaublich wertvolle Übergang in das begeisterte Tätigsein, das für uns alle auch als Erwachsene Zufriedenheit in der Arbeit bedeutet: Wir sind dann zufrieden mit unserem Job, wenn wir nach einem objektiv anstrengenden (Weg x Zeit = verrichtete Arbeit) Tag sagen können „Ich bin froh, diese Arbeit machen zu dürfen“. Wer insgesamt auf diese Art seinen Job mag, hat ihn gut gewählt. Und es ist äußerst wertvoll, bei Kindern darauf hinzuarbeiten und eine Liebe zum Entdecken, zum Lernen, zum Arbeiten früh zu wecken. Aber es ist kein Spiel.

Paul Moor: Spiel und „empfangendes“ vs. „tätiges Leben“

Noch tiefer als Hanselmann hat sein Nachfolger auf dem Heilpädagogik-Lehrstuhl in Bern gedacht, Paul Moor. Paul Moor unterscheidet in seinem äußerst komplexen und erklärungsmächtigen Modell der kindlichen Persönlichkeit u.a. zwischen dem „tätigen Leben“, das willens- und pflichtbetont ist, und dem „empfangenden Leben“, in dem er Freude, Staunen, bereichernde Gehalte verortet sowie die Fähigkeit, sich nicht nur oberflächlich mitreißen, sondern tiefer im Gemüt von Schönheit ansprechen zu lassen. Wer noch tiefer und philosophischer über das Thema Arbeit vs. Spiel nachdenken will, der kann sich noch auf Moors Gedanken einlassen. Moor schreibt in seinem Buch „Die Bedeutung des Spiels in der Erziehung“ etwas, was Lernspiele geradezu ausschließt. Bei Lernspielen geht es ja letztlich immer darum, etwas zu erklären, einen Zusammenhang zu verstehen etc. Für Paul Moor hat das Spiel eine wesentliche Funktion in der Persönlichkeitsentwicklung. Es ist nicht nur eine kurzfristige Erholung von der Arbeit, sondern es macht dem Menschen überhaupt erst bewusst, dass es das „empfangende Leben“ gibt, dass er da einen Bereich in seiner Seele trägt, der gehegt und gepflegt sein möchte. Denn in Phasen, wo die Arbeitsbelastung hoch ist, wo das Pflichtbewusstsein täglich gefordert wird (z.B. auch in der Pflege eines Angehörigen, um Durchstehen einer familiären Krise uvm.), muss uns das empfangende Leben durch die Schwierigkeiten tragen. Man zerbricht daran,  jahrelang das nötige ausschließlich mit zusammengebissenen Zähnen zu tun. Das Spiel entwickelt daher die empfangende Seite des Menschen schon früh und ist daher für Moor über den Erholungs- und Lernaspekt hinaus so wichtig:

Es ist wichtig, weil im Spiel „der tätige Mensch … der immer erst noch etwas vorhat, einmal diese ganz andere Haltung einnimmt, in welcher er keinen Zwecken nachjagt, sondern zufrieden, beglückt, erfüllt ist von dem was er hat.“ (S. 11)

„Erklärungen fassen nicht das Wesen des Spieles, sondern seine Bedeutung für das tätige Leben. Das Spiel hat eine Bedeutung für das tätige Leben. Aber es kümmert sich gar nicht darum; ja, es hat diese Bedeutung nur dann, wenn es nicht um sie kümmert; denn nur dann ist es echtes Spiel. Das Wesen des Spieles liegt nicht in der Tätigkeit, liegt nicht im Zweck … Es ist sich selber genug, trägt seinen Sinn in sich selber … es genügt sich selber, ist reines, erfülltes Dasein. Es steht dem tätigen Leben gegenüber und gehört zum empfangenden Leben.“ (S. 12 f.)

Das „empfangende Leben“ umfasst wie gesagt die Fähigkeit, sich Beschenken zu lassen. Lernspiele als Geschenk? Man kann natürlich dem begeisterten Hobbyforscher den großen Kosmos-Kasten schenken. Genauso kann man den genussvollen Esser zum Vier-Gänge-Dinner einladen und ihm damit eine echte Freude machen, weil das seinem Wunsch entspricht. Aber würden Sie sich freuen, wenn jemand Ihnen zum Geburtstag eine Palette Abnehmdrinks schenkt und damit nicht nur feststellt, dass Sie zu dick sind, sondern auch die Erwartung verknüpft, dass Sie in den nächsten Wochen seine Diätpläne erfüllen? „Hier hast du ein Lernspiel, damit wirst du endlich besser in Mathe! Freust du dich auch schön?“ Na, was meinen Sie?

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