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In einer Illustrierten beim Friseur entdeckte ich einen „kleinen Persönlichkeitstest“. Er bestand aus einer Bildreihe unterschiedlicher Sofas und Sessel, versehen mit der Aufforderung, jeweils ein Sofa und einen Sessel auszuwählen. Einige Seiten später wurde ich in der dazugehörigen Auswertung über meine Persönlichkeitsstruktur aufgeklärt: Ich bin angeblich ein eher bequemer, entspannter, gemütlicher Typ.

Habe ich mich mit der Auswahl eines Sofas und eines Sessels einem psychologischen Test unterzogen? Die Antwort lautet eindeutig: Nein. Warum ist dieser unterhaltsame kleine Test in der Illustrierten kein psychologischer Test?

Ein Test muss einer Reihe von Anforderungen genügen, damit er als psychologischer Test oder psychometrisches Verfahren bezeichnet werden darf:

  • Theoretische Grundlage eines jeden psychologischen Tests ist ein hypothetisches Konstrukt, ein wissenschaftlich begründetes Modell oder Konzept bezüglich der zu messenden Eigenschaft oder des zu messenden Persönlichkeitsmerkmals. Niemand hat zum Beispiel die Intelligenz als solche in uns jemals gefunden und kann sie deshalb genau beschreiben. Wir nehmen lediglich an, dass unser aller Verhalten und Erleben von einer mehr oder weniger vorhandenen Intelligenz, die sich irgendwie und irgendwo in uns befindet, geprägt ist. Somit gibt es nicht „die“ Intelligenz, sondern unterschiedliche Vorstellungen von ihr oder Annahmen über sie. Dies gilt nicht nur für die Intelligenz, sondern für alle Persönlichkeitsmerkmale. Jedem psychologischen Test liegt eine spezifische wissenschaftliche Theorie oder ein spezifisches wissenschaftliches Modell über das entsprechende Persönlichkeitsmerkmal zugrunde.

 

  • Die einzelnen Fragen oder Aufgaben in einem psychologischen Test, die sogenannten Items, stellen eine Auswahl aus unserem Erleben und Verhalten dar, die das zu erfassende Merkmal möglichst gut repräsentiert. Genauer gesagt, die Items repräsentieren eine ganz bestimmte Vorstellung von einem Persönlichkeitsmerkmal. Ein Testautor nimmt zum Beispiel an, zur Intelligenz gehöre die Fähigkeit, mit Zahlen geschickt umzugehen. In seinem Test finden sich dann als repräsentative Stichproben des Erlebens und Verhaltens kleine Rechenaufgaben. Ein anderer Testkonstrukteur nimmt vielleicht an, das Arbeits- oder Kurzzeitgedächtnis sei ein wichtiger Bestandteil der Intelligenz. Sein Test umfasst daher Zahlenreihen oder Reihen sinnloser Silben, die vom Testleiter vorgesprochen und vom Getesteten wiederholt werden müssen.

 

  • Das jeweilige Merkmal soll von einem psychologischen Test objektiv und zuverlässig erfasst werden. Das bedeutet, dass das Ergebnis einer Messung möglichst unabhängig von der Person des Testleiters und der Testsituation ist. Man kommt bei mehrfacher Überprüfung eines stabilen Merkmals bei ein und derselben Person möglichst immer wieder zum gleichen Ergebnis. Dieses hochgesteckte Ziel versuchen die Testautoren zu erreichen, indem sie die Durchführung und Auswertung der Testaufgaben so exakt wie nur möglich beschreiben. Was der Testleiter zur Erklärung der Aufgaben sagen darf, wird wörtlich vorgegeben und bei der Testdurchführung vorgelesen oder auswendig hergesagt. Testdurchführung und Testauswertung werden auf diese Weise so gut und genau es geht standardisiert.

 

  • Ein psychologischer Test zeichnet sich zu guter Letzt dadurch aus, dass der Ausprägungsgrad eines Persönlichkeitsmerkmals erfasst werden kann. Über den Vergleich mit sogenannten Altersnormen kann festgestellt werden, in welchem Maße wir intelligent, ängstlich oder aggressiv sind. Die erfasste Leistung beispielsweise in einem Intelligenztest wird mit den Leistungen verglichen, die Gleichaltrige in der Regel und im Schnitt im verwendeten Testverfahren erbringen.

 

Sogenannte „Tests“ in Zeitschriften, aber auch allerlei esoterische Verfahren oder Symptomlisten zum „Abhaken“, werden nicht mit diesem Aufwand erstellt. Ihnen liegt in aller Regeln kein fundiertes Konzept dessen, was sie zeigen sollen, zugrunde. Die Aufgaben werden ausgedacht, ohne dass man aus einer ganzen Menge einigermaßen guter Aufgaben die besten ausgewählt hätte, und die Durchführung ist selten objektiv. Nur eine grobe Abstufung im Ausprägungsgrad bot auch mein Test im Wartezimmer: Immerhin bin ich nicht der Kategorie jener Leser zuzuordnen, die wie der träge Oblomow aus Gontscharows gleichnamigem Roman das Leben gleich im Bett verbringen. Da lehne ich mich doch erleichtert zurück!

 

Weiterführende Literatur:

 

 

 

Dies ist der 1. Artikel aus der Reihe „Testdiagnostik“. Sie finden alle Artikel der Reihe unter diesem Schlagwort.

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