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Wenn ein Kind Probleme im Rechnen hat, denken viele Erwachsene, man müsse das Rechnen „anschaulicher“ machen. Also darf das Kind alle Rechnungen „mit Material legen“. Das ist aber nur sinnvoll, wenn das Material die Rechenoperationen klar und abstrakt darzustellen und mitzudenken hilft. Wenn man hingegen Hantieren mit Handeln verwechselt, erliegt man einem verbreiteten sensualistischen Irrtum: „anschaulich“ gibt es so nicht, „anfassen“ und „die Sinne anregen“ ist nicht, was ein rechenschwaches Kind braucht.

 

Vom unserem Kollegen Prof. Dr. Michael Gaidoschik aus Österreich.

Wege und Irrwege in der Förderung rechenschwacher Kinder – Irrweg Nummer 3: Die Suche nach dem Zauber-Material

Nun wird natürlich beim Üben nicht einfach nur Rechnung um Rechnung gemacht, sondern es wird gerade bei rechenschwachen Kindern oft und oft Material auf den Tisch gelegt. „Welches Material soll man verwenden?“ gehört zu den häufigsten Fragen, die mir von Lehrerinnen und Eltern gestellt werden. Umgekehrt berichten mir Eltern in Beratungsgesprächen immer wieder, sie hätten in all den Monaten, oft Jahren, in denen sie bereits mit ihrem rechenschwachen Kind geübt hätten, „immer alles mit Material gelegt“; wie es denn dann möglich sei, dass das Kind es „immer noch nicht begriffen“ hätte?

Nun, das ist leider sehr leicht möglich – deshalb, weil Angreifen österr. für: anfassen] und Begreifen eben doch zweierlei sind. Materialhandlungen sind eine unverzichtbare Voraussetzung für mathematische Lernprozesse. Damit aber Kinder wirklich mathematische Einsichten gewinnen, kommt es ganz entscheidend darauf an, was für Materialhandlungen das sind und vor allem, mit welchen Überlegungen Kinder diese Handlungen begleiten.

Mathematik ist nun einmal eine Frage des Denkens. Um Kinder aber auf die richtigen Gedanken zu bringen, genügt es nicht, ihnen passendes Material an die Hand zu geben – zumindest nicht bei allen Kindern. Tatsächlich verstehen wohl viele Kinder das, was es auf dieser Ebene der Mathematik zu verstehen gibt, weitgehend von alleine; aber auch diese Kinder lernen nicht einfach, in dem sie mit Material handeln, sondern indem sie aus diesen Handlungen die richtigen Schlüsse ziehen, den mathematischen Gehalt dieser Handlungen durchschauen und verinnerlichen.

Rechenschwache Kinder ziehen dieses Schlüsse nicht, durchschauen und verinnerlichen nicht – zumindest nicht von alleine. Gibt man ihnen Material und achtet nicht weiter darauf, was sie sich dazu denken, dann nutzen sie das Material entweder gar nicht: Dann nämlich, wenn es nicht zu ihren bereits bestehenden Gedanken passt und sie daher nichts damit anzufangen wissen. Oder sie nutzen das Material im Sinne ihrer bereits bestehenden, offenbar unzureichenden Gedanken, und das heißt in dem Bereich, über den ich hier in erster Linie spreche: Sie nutzen das Material wiederum nur für eins: für das Abzählen.

Man muss deshalb ganz klar sagen: Das von vielen verzweifelten Eltern, Lehrerinnen und Förderkräften erhoffte „Zauber-Material“ für die Überwindung von Rechenschwächen gibt es nicht und kann es nicht geben. Material ist wichtig; aber es hängt alles davon ab, was damit geschieht, welche Handlungen das Kind damit setzt und welche Schlussfolgerungen es daraus zieht. Wer glaubt, einem rechenschwachen Kind sei schon dadurch geholfen, dass man es „alles mit Material“ machen lässt, befindet sich, leider, auf einem Irrweg.

 

Dieser Artikel ist der dritte Teil einer Reihe. Sie finden alle Artikel der Reihe wahlweise unter den Schlagworten „Wege“ und „Irrwege“ oder über diese Links:

Autor und Rechteinhaber des obigen Textes: Michael Gaidoschik.

 


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