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Um Kinder im Rechnen zu fördern, gibt es gutes und schlechtes Material. Aber auch gutes Material muss früher oder später überflüssig werden. – 7. und letzter Teil von Michael Gaidoschicks Reihe zum Thema „Wege und Irrwege in der Rechenförderung“.

Vom unserem Kollegen Prof. Dr. Michael Gaidoschik aus Österreich.

Forderung 4: Material und Anschauung müssen als Leiter, nicht als Krücke eingesetzt werden

Ich habe schon versucht darzustellen, warum Material, auch Anschauung im mathematischen Lernprozess einerseits wichtig sind, andererseits durchaus auch Gefahren in sich bergen, jedenfalls nicht schon von selbst zum richtigen Verständnis führen. Wer rechenschwache Kinder fördern will, muss diese Zusammenhänge kennen und beachten.

Kurz gefasst geht es darum, Material und Anschauung als Leiter, als Aufstiegshilfe zum Verständnis einzusetzen – und zu verhindern, dass Material zur bloßen Krücke, zum letztlich immer untauglichen Ersatz für fehlendes Verständnis wird:

  1. Damit das gelingen kann, müssen Materialhandlungen in einen didaktischen Gesamtplan eingebettet sein. Es geht nicht einfach ums Handeln, sondern darum, dass beim Handeln mathematische Gesetzmäßigkeiten durchschaut werden; dafür müssen diese Handlungen aber auch entsprechend organisiert sein. Gewisse Schritte sind erst möglich, wenn anderes bereits verstanden wurde. Für jeden weiterführenden Schritt muss das Material in seiner Struktur das auch widerspiegeln, was es zu begreifen gilt.
  2. Der durchnummerierte Zahlenstrahl oder das Hunderterhaus sind beispielsweise nicht geeignet, um das Bündelungsprinzip unseres Dezimalsystems zu entdecken und zu verstehen.
  3. Ist aber geeignetes Material gefunden, dann geht es in den Handlungen selbst nicht um Quantität, sondern um Qualität. Verständnis entsteht nicht dadurch, dass ein Kind möglichst oft, möglichst lange mit Material arbeitet. Sondern es geht darum, die Materialhandlungen des Kindes mit den richtigen Fragestellungen zu begleiten, das Kind dazu zu animieren, die Handlungen in der Vorstellung erst teilweise, dann vollständig vorwegzunehmen. Dabei hat es sich bewährt, das Material recht bald schon nur noch „verdeckt“ einzusetzen, also etwa unter einem Tuch verschwinden zu lassen, oder dem Kind die Augen zu verbinden, während es der Förderperson ansagt, was diese Schritt für Schritt mit dem Material durchzuführen hat.

Nun können Sie mir natürlich entgegenhalten: Aber all das geht doch nur, wenn ich mit einem Kind eins-zu-eins arbeiten kann, in einer Klasse mit 25, 30 Kindern ist das unmöglich!

Stimmt natürlich, und daraus folgt

Forderung 5: Einzelförderung und Befreiung von Lehrplanzwängen

Auch mit dieser Forderung befinde ich mich im Einklang mit der aktuellen Forschung. Wobei man klar unterscheiden muss: Prävention, Vermeidung von Rechenstörungen ist sehr wohl im Klassenverband möglich – dann nämlich, wenn bereits im Unterricht die wesentlichen Forderungen der aktuellen mathematik-didaktischen Forschung erfüllt werden.

Dennoch besteht in der Wissenschaft Einigkeit darüber, dass Rechenstörungen selbst durch „optimalen“ Unterricht nicht zu 100 Prozent vermeidbar sind. Wenn nun aber eine Rechenstörung spätestens in der zweiten Schulstufe manifest geworden ist – dann wird tatsächlich ohne Einzelförderung keine entscheidende, dauerhafte Besserung zu erreichen sein; und dann kommt man auch nicht umhin, den Lehrplan erst einmal Lehrplan sein zu lassen und genau dort anzusetzen, wo die mathematischen Probleme des Kindes nun einmal ihren Ausgang nehmen.

 

Dieser Artikel ist der siebte Teil einer Reihe. Sie finden alle Artikel der Reihe wahlweise unter den Schlagworten „Wege“ und „Irrwege“ oder über diese Links:

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