Hier geht es um die Kinder, die (noch) zu langsam lesen. Langsam ist nicht gleich langsam. Es gibt wichtige Unterschiede in der nächsten Zone der Entwicklung und damit in den nächsten Lernschritten und Fördermöglichkeiten.

Grundsätzlich lassen sich die langsamen Leser Kinder praktikabel in drei große Gruppen einteilen:

1. Kinder, die nicht unbedingt alle Grapheme (also Buchstaben und mehrbuchstabige Zeichen wie sch, ie, au…) sicher schnell benennen können und die noch Probleme beim Verbinden der Grapheme zu Sprechsilben haben. Wenn ein Kind sich im ersten Halbjahr der ersten Klasse befindet, ist das noch normal. Schüler höherer Klassen zeigen einen Rückstand, wenn sie noch hiermit zu kämpfen haben. Sie befinden sich noch auf der sogenannten alphabetischen Stufe, obwohl sie schon weiter sein sollten. Diese Kinder lesen in der Regel noch deutlich unter 20 Wörter pro Minute.

2. Kinder, die die alphabetische Stufe hinter sich gelassen haben, aber noch sehr langsam darin sind, die Sprechsilben zu Wörtern zusammenzusetzen. Das Kind befindet sich in der Bewältigung der sogenannten morphematischen oder orthographischen Stufe. Das wirkt sich auch auf die Rechtschreibung aus, da diese Kinder Morpheme (die Wortbausteine wie Endungen, Vorsilben, Wortstamm, auf die sich die Rechtschreibregeln meist beziehen) nicht so anstrengungsfrei erfassen können, wie es nötig wäre, um über die Funktion der Morpheme nachdenken und sprechen zu können. Wenn Kinder in höheren Klassen noch auf dieser Stufe sind, entstehen so Schwierigkeiten im Lesen und Rechtschreiben. Das Problem kann sich verschlimmern, wenn das Kind über einen sehr kleinen Wortschatz verfügt und/oder in der mündlichen Sprachentwicklung, z.B. in der Wortbildung, Schwierigkeiten hat. Denn dann dauert es besonders lange, bis es erkannt hat, welches Wort die Laute bilden. Auch eine niedrige Intelligenz kann es erschweren, die Wortbestandteile zu begreifen oder den Sinn eines Satzes zu erfassen. Kinder dieser Stufe lesen in der Praxis deutlich unter 50 Wörter pro Minute.

3. Kinder, die auch die morphematische Stufe beherrschen, aber noch nicht genug Routine in allen Teilvorgängen des Lesens besitzen. Bei ihnen sollte man zur Sicherheit nachprüfen, ob einzelne Grapheme (Buchstaben und mehrbuchstabige Schriftzeichen) noch nicht zuverlässig abgespeichert sind. Wenn man herausfindet, ob das Kind Schwierigkeiten mit längeren Wörtern und Wörtern mit aufeinanderfolgenden Konsonanten hat, kann dies das Ausmaß der Probleme und die Zone der nächsten Entwicklung klären helfen. Kinder dieser Stufe lesen mehr als 50 WPM, aber noch deutlich unter 150.

Zu allen drei Stufen, besonders aber zur 2. und 3., können typische schlechte Lesegewohnheiten hinzukommen wie der häufige Regress durch Unkonzentriertheit, das halblaute, verlangsamende Mitsprechen (auch ein Zeichen für mangelnde Routine), das Verwenden des Fingers zur Orientierung etc.

In den nächsten Artikeln werde ich erläutern, wie man die Kinder auf diesen drei Stufen konkret fördern kann. Gute Kinderbücher zur Anwendung finden Sie auf meiner Praxisseite in der Kinderbibliothek.

 

Weiterlesen:

Dieser Artikel ist Teil einer Reihe. Alle Teile des Themenblocks „Lesegeschwindigkeit“ finden Sie, wenn Sie dieses Schlagwort im Suchfeld eingeben, oder über folgende Liste:

Teil 1: Warum sollte man 150 Wörter pro Minute lesen können?

Teil 2: Wie schnell sollte ein Kind in welchem Schuljahr lesen?

Teil 3: Flüssig lesen kommt von selbst – oder?

Teil 4: Was passiert ohne Leseförderung?

Teil 5: Wie misst man die Lesegeschwindigkeit (WPM) sinnvoll?

Teil 6: Was sagt ein Lesegeschwindigkeits-Test aus?

Teil 7: Warum liest mein Kind zu langsam?

Teil 8: Wie lesen Leseanfänger?