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Der weit verbreitete und gerne benutzte Leitsatz: „es ist normal, verschieden zu sein“, schwebt über der Debatte um die Inklusion und dient als allgegenwärtige und unhinterfragte Begründung für die schulische Gemeinsamkeit aller Kinder, das gemeinsame Lernen in heterogenen Gruppen. Sie ist mit der festen Überzeugung verbunden, dass dieses gemeinsame Lernen allen Kindern zugute kommt und Heterogenität besser ist für die Entwicklung der Kinder.  Die Verschiedenheit an sich stellt bereits einen positiven Wert dar und ist unhinterfragt bereichernd.

In der Psychologie geht man davon aus, dass es zwar normal ist, verschieden zu sein, dass es aber genauso normal ist, gleich zu sein. Dies schlägt sich in der Differenzierung des Gegenstandes der beiden Teildisziplinen Allgemeine und Differentielle Psychologie nieder. Die Allgemeine Psychologie sucht nach dem Gleichen im menschlichen Erleben und Verhalten: Sie fragt zum Beispiel, welche Wahrnehmungsphänomene oder welche Gedächtnisstrukturen bei allen Menschen in gleicher Weise zu finden sind. Die Differentielle Psychologie dagegen beschäftigt sich mit den interindividuellen Unterschieden, also den unterschiedlichen Ausprägungsgraden verschiedener Fertigkeiten und Fähigkeiten bei verschiedenen Menschen. Sie versucht diese mit Hilfe diagnostischer Methoden und Strategien zu bestimmen.

Gleichheit und Verschiedenheit werden in der Psychologie auch in dem Sinne als normal verstanden, als dass sie nichts Besonderes sind. Wir Menschen sind einfach so und der Heterogenität unter uns Menschen kommt zunächst weder etwas besonders Gutes oder Wertvolles noch etwas Schlechtes zu. Vielmehr zeigen die Erfahrungen und Erkenntnisse etwa aus der Klinischen oder Pädagogischen Psychologie, dass Heterogenität für bestimmte Menschen in bestimmten Lebenslagen, in bestimmten Zusammenhängen einmal zu Problemen führt und ein anderes Mal zum Vorteil gereicht. Zur gleichen Erkenntnis gelangt man in Wirtschaft und Industrie – Diversitätsmanagement heißt das hier. Diversität in Organisationen oder Arbeitsgruppen führt weder automatisch zu Leistungssteigerungen, noch ist sie für sich genommen schlecht oder bringt zwangsläufig Konflikte mit sich (van Dick et al. 2015). Es kommt schlicht und ergreifend darauf an, was man aus den Unterschieden macht.

 

So stellt eben auch nicht jedes schwierige Sozialverhalten, wie Ahrbeck (2011) richtig bemerkt, eine Bereicherung des schulischen Zusammenlebens dar und es ist sicher auch leicht nachvollziehbar, dass Aggressivität, Destruktivität oder gar heftige und wiederholte Gewalttätigkeit zu Grenzen einer fruchtbaren Vielfalt führen können.
Zu klären wäre damit doch eher, unter welchen Bedingungen, in welchen Situationen und bei welchen Gelegenheiten sich Verschiedenheit hilfreich und wo eher hinderlich auswirkt. Wo und wie kann sie vom geschickten Pädagogen genutzt und zur Förderung bestimmter Lernprozesse eingesetzt werden – und wann stellt sie ein Hemmnis dar und muss im Hinblick auf das Lernen der Schüler reduziert werden? Diagnostik bestimmt das Ausmaß der Heterogenität unter den Schülern und eröffnet damit die Möglichkeit zu einer bewussten Kontrolle des Heterogenitätsspektrums in Klassen und Lerngruppen. Die gezielte und pädagogisch-didaktisch begründete, nicht dem Zufall überlassene Zusammensetzung des Heterogenitätsspektrums einer Klasse vermeidet im inklusiven Unterricht, so Schnell (2012), massive Belastungen bei Lehrkräften und Schülern und schafft angemessene Anregungspotenziale.

 

Dies ist der 2. Artikel aus unserer Reihe „Inklusive Diagnostik“. Sie finden alle Artikel der Reihe unter diesem Schlagwort oder über folgende Links:

 

Literaturhinweise

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