Beitrag mit Video! – Um die Probleme von Leseanfängern zu verstehen, muss man sich bewusst machen, dass ihr Wortschatz ein komplett mündlicher ist. Alle Wörter, die ein Schulanfänger kennt, kennt er nur vom Hören und Sprechen. Für uns Erwachsene „fühlt“ sich unser Wortschatz ganz anders an, da wir sehr schnell ein Schriftbild mit einem uns bekannten Wort verbinden. Das Schriftbild hilft uns, zu wissen, dass „der Bäcker“ eben mit „-er“ geschrieben wird und nicht als „dea Beka“. Manchmal bilden wir uns daher ein, dieses Schriftbild als „Beka“ auszusprechen, sei ganz natürlich. Um einem Kind auf dieser Stufe zu helfen, müssen wir uns bewusst machen, dass dies in Wirklichkeit nicht selbstverständlich ist. Das Kind lernt „e“ und „r“ in der ersten Klasse primär mit dem Klang zu verbinden, den sie für uns in „Ehre“ haben. Beim Erlesen von „Bäcker“ muss die Endung aber als „ǝ“, also etwa „Bäka“, wiedergegeben werden. Ganz schön komplex. Im folgenden Videobeispiel wird das Problem sehr deutlich:

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Warum ist Lesen für Erstklässler so anstrengend? Jeder Buchstabe kann auf verschiedene Arten ausgesprochen werden, je nachdem, welche Buchstaben davor und danach stehen. Es gibt also mehr Phoneme (Lautvarianten) als Grapheme (Buchstaben). Deshalb sind Erstleser noch ziemlich ausgelastet damit, jedem Zeichen den richtigen Laut zuzuordnen („Phonem-Graphem-Verbindung“). Das Kind muss sich beim Lesen für eine Art entscheiden und dann die zusammengehörigen Buchstaben einer Silbe zusammenschleifen. Es spricht sich das entstehende Wort nun vor. Das Wort, das man nun hört, vergleicht das Kind mit dem Klang bekannter Wörter aus seinem mündlichen Wortschatz. Wenn das, was es vorgelesen hat, wie ein bekanntes Wort klingt, hatte es Erfolg und versteht die Bedeutung. Klingt es auch nur geringfügig anders, ist der Leseanfänger verwirrt (vgl. Video).

Die Anlauttabelle, an die auch das Kind im Video durch die Schule gewöhnt wurde, erschwert diesen Vorgang zusätzlich, weil sie zwar Laut-Zeichen-Verbindungen anbietet, aber die verschiedenen Laute, die durch ein und denselben Buchstaben wiedergegeben werden, unterschlägt. Beispielsweise das E  i.d.R. nur durch das betonte ⎟e:⎢wie am Anfang von „Elefant“ dargestellt, obwohl das bei weitem nicht der häufigste Klang des E im Deutschen ist (denken Sie an: Beere, erleben, Wiese…). Hier wird der Klang des E mit dem Namen des Buchstabens verwechselt. Die Anlauttabelle bringt weitere Schwierigkeiten mit sich, die zu erörtern hier den Rahmen sprengen würde.

Folgende Videos einer Leseanfängerin illustrieren, wie Erstleser sich bemühen, dem Zeichen den richtigen Laut zuzuordnen. Achten Sie darauf, wie viel ein Kind dabei unter realistischen Bedingungen gleichzeitig leisten muss: Nicht nur den einen richtigen Klang zu treffen, ist schwierig. Wenn die Reihenfolge der Buchstaben im Wort durcheinandergerät, bringt dies das Kind in die Bredouille. Buchstaben, die einander sehr ähnlich sehen, wie I und l, müssen auseinander gehalten werden. Und Kinder versuchen zugleich, ihr Vorwissen sowie vorhandene Illustrationen mit dem vermuteten Sinn zu verbinden – nicht immer einfach.

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Dieser Artikel ist Teil einer Reihe. Alle Teile des Themenblocks „Lesegeschwindigkeit“ finden Sie, wenn Sie dieses Schlagwort im Suchfeld eingeben, oder über folgende Liste:

Teil 1: Warum sollte man 150 Wörter pro Minute lesen können?

Teil 2: Wie schnell sollte ein Kind in welchem Schuljahr lesen?

Teil 3: Flüssig lesen kommt von selbst – oder?

Teil 4: Was passiert ohne Leseförderung?

Teil 5: Wie misst man die Lesegeschwindigkeit (WPM) sinnvoll?

Teil 6: Was sagt ein Lesegeschwindigkeits-Test aus?

Teil 7: Warum liest mein Kind zu langsam?

Teil 8: Wie lesen Leseanfänger?

Gute Kinderbücher zur Anwendung finden Sie auf meiner Praxisseite in der Kinderbibliothek.