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Beim Gespräch über Handschrift meinte Erwin Breitenbach: „Zum Schreiben mit den Handys bräuchte man eigentlich nur noch zwei schnelle und nicht zu große Daumen; der Rest der Hand könnte verkümmern.“ Warum sollte man heutzutage überhaupt noch eine gute Handschrift erwerben? Nun, ich denke, es gibt ein paar gute Gründe dafür, und die stelle ich heute hier vor. Warum also überhaupt Handschrift?

Handschrift ist bewegend

Kinder erleben Sprache unmittelbar und mit großer körperlicher Beteiligung. Gehörte und gesprochene Sprache eigenhändig mit Schriftzeichen sichtbar zu machen und festzuhalten ist ein direktes, intensives Erlebnis, ein einmaliger, ergreifender Vorgang! Schließlich kommen Kinder mit einer rein mündlichen Sprache in die Schule und sind begierig, sich die Schrift der Erwachsenen, die sie ständig und überall umgibt, aus eigener Kraft anzueignen.
Die mit der eigenen Hand erzeugte Schriftsprache wird nicht nur vom Schulanfänger unmittelbarer als eigenes Produkt empfunden als das Drücken auf ein paar Tasten des Computers. Es ist sehr befriedigend, einen durchaus komplizierten Handlungsablauf zu erlernen und schließlich zu beherrschen. Selbst erfolgreiche Informatiker greifen für wichtige Projektbesprechungen und Notizen auf ihre Handschrift zurück und genießen geradezu das Schreiben mit einem schönen Füller.

Handschrift ist von Dauer

Die gesprochene Sprache ist flüchtig und man kann trefflich darüber streiten, wer was gesagt hat. Was aufgeschrieben wurde, verschwindet nicht mehr. Es bleibt unzweifelhaft so wie es geschrieben wurde und existiert ganz offensichtlich. Nicht von ungefähr schreiben Kinder in der Regel als erstes ihren Namen und die Namen lieber Menschen. Dass „ich“ nun auf Papier erscheine, ist ein fesselnder Vorgang, der meine Existenz dokumentiert und meine Wichtigkeit zeigt. Ich stehe da, also bin ich, könnte man sagen.

Handschrift ist praktisch

Auch im Zeitalter von Tablets und Computern ist die Handschrift unschlagbar. Sie ermöglicht es, Informationen ohne großen Aufwand übersichtlich zu strukturieren; man kann Notizen dem persönlichen Denkprozess anpassen und kleine erklärende Kritzeleien hinzufügen. Ein Einkaufszettel mit den Preisen der Sonderangebote und einer Ordnung entsprechend der Regale im Laden ist mit keinem Medium so schnell erstellt wie von Hand. (Glauben Sie mir, ich habe es versucht und bin nach 4 Apps wieder bei Papier und Bleistift gelandet…). Auch Gesprächsnotizen sind von Hand weitaus weniger invasiv und störend als ein Berater, der in seinen Laptop starrt.

(Praxistipp: Wem das zu lange dauert, dem empfehle ich, sich eine Handvoll Stenographie-Kürzel für besonders häufige Wörter anzueignen. Ich verwende diese seit meiner Abiturzeit; sie sind eine große Erleichterung in Studium und Arbeit. So ziehe ich Handschrift weiterhin bei vielen Gelegenheiten vor, obwohl ich um die 500 Anschläge pro Minute fehlerlos tippen kann. Selbst wenn man sich nicht ganz genau an die Höhenverhältnisse der Stenographie hält, sind die Kürzel enorm zeitsparend. Ich verwende die Kürzel für: der, die, das, des, dem, den; und, mit sich, gegen, durch, nicht, für immer, als, zu, zum, sondern, über, so, wenn, sind. Wer sie lernen möchte, wird auf Seite 63ff. dieses Links fündig.)

Handschrift ist schön

Das selbst geschriebene Rezeptheft, der herzliche Brief an einen lieben Menschen (gerade heute wieder etwas Besonderes), die individuell gestaltete Karte – das alles hat einen Wert, der sich durch anderes schlecht ersetzen lässt.

Handschrift ist demokratisch und bietet unendliche Möglichkeiten

Seit Jahrtausenden schreiben Menschen auf der ganzen Welt von Hand. Handschrift verbindet die Menschheit durch Zeit und Raum und über Generationen hinweg. Kein Schreibmittel ist so einfach und billig auf der ganzen Welt zu bekommen wie ein Blatt Papier und ein Stift. Was darauf dann geschrieben steht, kann hingegen unendlich wertvoll sein: Der große Liebesbrief, das Glaubenszeugnis, der lebensnotwendige Hinweis auf eine Allergie oder die Wegbeschreibung zum Piratenschatz…

 

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